Übergabe der Siegerurkunde

Übergabe der Siegerurkunde (v.l.n.r. Sebastian Ganz, Daniela Weber, Dr. Klaus Hank)

Mitteilungen der Vereinigung Weihenstephaner Universitätsabsolventen, Nr. 89, Winter 2000, S. 10

Fast wie im richtigen Leben

Unternehmensplanspiel der Professur Unternehmensforschung und Informationsmangement beschäftigt Landwirtschaftsstudenten im Sommersemester

Sie kämpfen um Marktanteile auf einem virtuellen Puten- und Perlhuhnmarkt: 26 Unternehmen, bestehend aus Studenten- und Mitarbeitergruppen der TUM in Weihenstephan sowie einem Professor. Sieger kann nur werden, wer sich den ökonomischen Konsequenzen seines Vorhabens bewusst ist und diese zu berechnen weiß.

Es ist wieder mal ein Mittwochvormittag, auf dem Campus der TUM in Weihenstephan sitzen einzelne Grüppchen von Studenten und genießen das schöne Wetter. Auffallend: Drei Gruppen scheinen einen Sicherheitsabstand voneinander einzuhalten, damit die einen ja keinen Gesprächsfetzen von den anderen aufschnappen können. Die Erklärung: Sie diskutieren die nächste Entscheidung für das Planspiel „Puten & Perlhühner". Die Studenten stehen unter Druck, immer Mittwochs um 13 Uhr müssen sie dem Spielleiter Dr. Klaus Hank von der Professur Unternehmensforschung und Informationsmangement mitteilen, in welche Stalltypen investiert wird, wie viele Puten oder Perlhühner produziert werden und ob überschüssiges Geld am Kapitalmarkt angelegt oder in Werbung investiert wird. Die entscheidende Frage: Wie können all diese Vorhaben finanziert werden? Jedem Unternehmen steht ein Startkapital von 1000 Geldeinheiten zur Verfügung. Die virtuelle Bank (immer Meistverdiener bei diesem Spiel) bietet dazu kurz- und langfristige Kredite an, die den Produzenten bis zu einer bestimmten Höhe immer gewährt werden.

Und so funktioniert es: In der ersten Woche jedes Sommersemesters können sich beliebig viele Unternehmen anmelden, meist spielen mehrere Studenten gemeinsam. Im Sommer 2000 sind 53 Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter sowie ein Professor in 26 Unternehmen gegeneinander angetreten. Ein „Staatsbetrieb", der keinen Gewinn anstrebt, ist auch dabei. Dieser hat zwar noch nie gewonnen, erstaunlicherweise aber in bisherigen Runden immer sein Eigenkapital erhalten.

Wöchentlich werden Investitionsentscheidungen getroffen. Sind alle Vorschläge eingegangen, berechnet der Spielleiter die Veränderungen auf dem Markt. Durch Angebotsschwankungen von Woche zu Woche verändern sich ebenfalls wöchentlich die Preise, die für Puten und Perlhühner zu erzielen sind. Denn auch eine Produktionsperiode dauert eine Woche; dann heißt es, neu aufzustallen.

Auf einem kleinen Computerausdruck oder per E-Mail bekommen die Spieler mitgeteilt, wie es um ihr Unternehmen steht. Der Rang wird in Abhängigkeit von der Höhe des Eigenkapitals vergeben. Aufgeführt sind außerdem liquide Mittel, Restwert der Anlagen und restliches Fremdkapital, das über die Laufzeit der Ställe (von einer bis drei Perioden - je nach Stall) getilgt werden muss. Und hier liegt der Knackpunkt des Spiels: Wer siegen will, ist gezwungen, sich über die Bedeutung betriebswirtschaftlicher Begriffe klar zu werden. Und diese Fähigkeit haben nicht alle Spieler, davon weiß Spielleiter Dr. Klaus Hank zu berichten: „Es kommt tatsächlich vor, dass Unternehmen einen Stall mit Eigenkapital - das auf der Passiv-Seite der Bilanz steht - bezahlen wollen und nicht mit Geldmitteln aus dem Konto ‚Kasse' auf der Aktivseite." Wer bis zum Schluss mitspielen will, ist gezwungen, sich über die Bedeutung eines Aktiv- oder Passivtauschs sowie einer Bilanzverlängerung und -verkürzung klar zu werden.

Jede Woche gibt es einen Marktbericht, der - manchmal direkt, manchmal zwischen den Zeilen - zu verstehen gibt, was in der nächsten Runde zu tun ist. Da heißt es dann zum Beispiel: „Der Bundesgeflügelminister erteilte bei der Jahreshauptversammlung des Verbandes der Weihenstephaner Geflügelzüchter der Forderung nach Kleinerzeugerbeihilfen eine entschiedene Absage." Die Aussage: Stückkosten müssen minimiert werden. Wer sich auch von diesen Hinweisen nicht beeinflussen lässt, muss mit seinem Unternehmen sicher vor Ablauf der zehn Spielwochen Konkurs anmelden. Dieses Jahr haben nur 15 von 26 Unternehmen die letzte Runde überstanden. Auch der optimale Einsatz von Fremdkapital ist bei der Gewinnerstrategie deutlich erkennbar. Die drei erfolgreichsten Unternehmen haben bis 2,5 mal so viel Fremd- wie Eigenkapital eingesetzt. Es ist schon ein Unterschied, ob die Studenten in der Vorlesung vom Leverage-Effekt hören oder ihn am eigenen Leib (Unternehmen) erfahren. Die Auswirkungen von Rückzahlungsmodalitäten der Darlehen (Tilgungs- oder Annuitätendarlehen) werden ebenfalls spürbar, wenn sich am Ende einer Periode herausstellt, dass der zu leistende Kapitaldienst falsch berechnet wurde.

Beim gemeinsamen Abschlussfest am Ende des Sommersemesters werden Gewinner- und Verliererstrategien bei Bier und Brezen vorgestellt. So mancher Student entwickelt besonderen Ehrgeiz, weil er bei diesem Spiel direkt gegen Prof. Dr. Peter Wagner (Professur für Unternehmensforschung und Informationsmanagement) antreten kann. Eine gewisse Genugtuung ist schon verständlich, wenn sich Studenten als virtuelle Geflügelproduzenten gegen ihn durchsetzen können. Diesmal haben es nur zwei geschafft: Daniela Weber und Sebastian Ganz hatten nach der zehnten Runde mit 3533 Geldeinheiten ein um 320 Geldeinheiten höheres Eigenkapital als der Uni-Professor und wurden damit zum erfolgreichsten Geflügelproduzenten des Sommersemesters gekürt.

Und der Bezug zur Realität? „Wir produzieren auf einem völlig liberalen Markt, der in Wirklichkeit kaum vorhanden ist", meint Prof. Dr. Peter Wagner, „Ausnahmen bilden Produkte wie Schweine oder Kartoffeln. Reell dagegen ist der Entscheidungsdruck, dem die Unternehmer immer wieder ausgesetzt sind." Was lernen die Studenten bei dem Spiel, das Wilhelm Brandes und Helmut Müller in Göttingen entwickelt haben? Wagner: „Sie lernen, die Instrumentarien, die sie in ihrem betriebswirtschaftlichen Werkzeugkasten haben, auch anzuwenden."

Eines hat sich ganz deutlich gezeigt: Die Unternehmen, die sich mit den betriebswirtschaftlichen Abläufen befassen und Entscheidungen nicht nur aus dem Bauch heraus treffen, landen auf den vorderen Plätzen. Dazu Prof. Wagner: „Hier lernt man die Realität kennen, ohne dass es weh tut."

ALEXANDRA KÖNIGER (auch Foto)

 

 

 kh (06.02.2001) [ TOP