Berichte über Landwirtschaft 72 (1994) S. 123-145:

Zukünftige Erscheinungsformen landwirtschaftlicher Betriebe

- Eine Prognose mit Hilfe der Delphi-Technik -

Von Dipl.-Ing. agr. Klaus Hank
und Dipl.-Ing. agr. Hermann Trenkel, Freising


Zusammenfassung
Summary
Résumé

1 Landwirtschaft im Wandel

Die Übervölkerungstheorie Thomas Malthus' (1766-1834), wonach die Bevölkerungsentwicklung durch die Agrarproduktion begrenzt würde, hat sich in Europa bis zum heutigen Tage nicht bestätigt. Vielmehr nahm die landwirtschaftliche Erzeugung in den letzten Jahrhunderten einen ungeahnten Aufschwung, der seit einigen Jahren in der Produktion von Überschüssen auf fast allen Märkten für Agrarprodukte in der Europäischen Gemeinschaft gipfelt. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde darüberhinaus durch den Einsatz von Kapital und Energie die Arbeitsproduktivität der in der Landwirtschaft Tätigen erheblich gesteigert. Ernährte eine landwirtschaftliche Arbeitskraft 1950 noch 10 Menschen, so sind es heute etwa 70. Einher ging mit dieser Entwicklung ein starker Rückgang der Zahl der in der Landwirtschaft Tätigen.
Die Hauptfunktion der Landwirtschaft besteht seit jeher in der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Daneben hat sie aber laut Agrarbericht "zunehmend Bedeutung gewonnen für die

Auch aus den Bereichen Ökologie und Landschaftserhaltung bzw. -gestaltung werden deshalb voraussichtlich für die Landwirtschaft, als größten Bodeneigner der Bundesrepublik, neue Aufgaben und Restriktionen erwachsen.
Neben dem die Steigerung der Flächen- und Arbeitsproduktivität fördernden und sich zu einem Gutteil autonom vollziehenden technischen Fortschritt treten zunehmend auch hemmende Faktoren auf. Dabei sind insbesondere ökologische Belange zu nennen, die, z.B. durch Grenzwerte für Emissionen an Gasen und Flüssigkeiten, aber auch Lärm, verstärkt Einfluß auf die landwirtschaftliche Produktion nehmen. Daneben werden auch ethische Fragen bezüglich diverser Haltungsverfahren von Nutztieren, etwa der Käfighaltung von Hühnern, aufgeworfen. Von nicht zu unterschätzendem Einfluß ist sicher auch die restriktive Preispolitik der Europäischen Gemeinschaft, die die frühzeitige Übernahme von Innovationen durch die Landwirtschaft, v.a. in weniger kapitalstarken Betrieben, behindern kann. Zusätzlich werden in Zukunft voraussichtlich Faktoren wie etwa die fortschreitende Aufheizung der Erdatmosphäre oder das verstärkte Einwirken von UV-Strahlen durch die Abnahme des stratosphärischen Ozons Auswirkungen auf die Landwirtschaft haben. Nicht zuletzt wird die bundesdeutsche Landwirtschaft von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sowie der Entwicklung in Mittel- und Osteuropa nicht unberührt bleiben.
Bei dieser Fülle von Einflußfaktoren stellt sich die Frage, wie sich die landwirtschaftlichen Betriebe in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Aus der Annahme, daß änderungen in der Regel nicht schlagartig eintreten, sondern das Produkt einer Entwicklung sind, läßt sich ableiten, daß ein Großteil der Entwicklungen, die sich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren durchsetzen werden, im Keime bereits heute vorhanden oder geplant sind. Es gilt deshalb abzuschätzen, ob und wenn ja, wann und in welchem Ausmaß sich diese Entwicklungen durchsetzen werden. Helmer und Rescher (8) wiesen darauf hin, daß der informierte Experte aufgrund seines umfangreichen Wissens seines entwickelten Gespürs für relevante Einflußgrößen und seiner Kenntnis der allgemeinen Wirkungszusammenhänge in bestimmten Bereichen, am besten in der Lage ist, gute Voraussagen in seinem Fachgebiet vorzunehmen. Deshalb sollen im Rahmen dieser Studie Fachleute aus den verschiedenen betroffenen Bereichen aufgefordert werden, ihr Urteil über mögliche zukünftige Entwicklungen abzugeben. Um Individualeinflüsse zu verringern, sollen zu jedem Themenbereich mehrere Fachleute befragt werden.
Diese Studie wurde vor der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze konzipiert und bezieht sich überwiegend auf die alten Bundesländer. Die Befragungen erfolgten 1991, also vor den Beschlüssen zur EG-Agrarreform.
Nach einer kurzen Vorstellung der verwendeten Methodik werden zunächst die wichtigsten Einflußgrößen der Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe aufgezeichnet. Daran schließt sich als Schwerpunkt der Arbeit die Prognose zukünftiger Entwicklungen in den einzelnen Bereichen an. Den Schlußpunkt bildet eine Beschreibung möglicher zukünftiger Erscheinungsformen landwirtschaftlicher Betriebe, die aus den Prognosen über Entwicklungen der einzelnen Einflußgrößen abgeleitet wird.

2 Die Delphi-Technik

"Langfristige Prognosen müssen sich auch auf die Prognose von Strukturbrüchen erstrecken. Sie müssen versuchen, nicht nur den Wertebereich bestimmter Ereignisse vorauszusagen, sondern auch grundsätzlich neue Ereignisse als möglich oder wünschenswert zu erkennen." (1, S. 14) Dies vermögen rein extrapolative Methoden nicht zu leisten. Bei der Untersuchung komplexer Zusammenhänge ist es zudem schwierig, ja zuweilen unmöglich, alle relevanten Einflußgrößen zu erfassen und zu quantifizieren. In solchen Fällen bedient man sich von jeher gerne des Urteiles von Experten. Dies scheint insofern gerechtfertigt, als diese Experten sich der in ihrem Fachgebiet relevanten Einflußgrößen bewußt sind und einen umfassenden Überblick über laufende und geplante Forschungsvorhaben und deren Ziele besitzen. Zudem beschränken sich diese Experten meist nicht auf das Beobachten von Entwicklungen, sondern wirken gestaltend an ihnen mit.

2.1 Grundlagen und Entstehung

Expertenurteile können durch Befragen der Fachleute durch ein Untersuchungsteam gewonnen werden. Wird nur ein Experte befragt, so steht als Ergebnis ein Einzelurteil. Wird eine Gruppe von Fachleuten befragt, so werden deren Urteile in aller Regel nicht übereinstimmen. Die Analyse und Bildung eines Gruppenurteils erfolgt durch das Untersuchungsteam. Dieser Einfluß führt dazu, daß ein solches Gruppenurteil als abhängig bezeichnet wird.
Alternativ zur Befragung können die Experten zu einer Konferenz geladen werden. Hierbei trifft sich eine Gruppe von Experten zu einer Diskussion von Angesicht zu Angesicht. Hieraus geht, wenn überhaupt, ein Gruppenurteil hervor, das von psychologischen Einflüssen, wie etwa Dominanz einzelner Teilnehmer oder besonderen rhetorischen Fähigkeiten, bestimmt sein kann und damit ebenfalls ein abhängiges Gruppenurteil darstellt.
Um die Vorteile der beiden Methoden Gruppenbefragung und Konferenz zu vereinen, machten sich Wissenschaftler der RAND-Corporation in Santa Monica/Kalifornien in den fünfziger Jahren daran, eine neue Technik zu entwickeln, die zu einem unabhängigen Gruppenurteil führt. Der Vorteil der Gruppenarbeit liegt darin, daß die Summe der in der Gruppe verfügbaren Informationen und neuen Ideen mindestens gleich groß ist wie die eines einzelnen Experten. Das Gruppenurteil sollte darüber hinaus unabhängig sein. Dies bedeutet, daß wie bei der Konferenz der Abgleich der Meinungen durch die Experten selbst erfolgt und nicht durch ein Untersuchungsteam. Gleichzeitig sollen eventuelle psychologische Effekte einer Konferenz ausgeschaltet werden.
Zur Erreichung eines unabhängigen Gruppenurteils müssen somit mehrere Experten über mehrere Runden befragt werden. In den einzelnen Runden müssen die Teilnehmer mit den Ergebnissen der vorhergehenden Runde konfrontiert werden. Diese Ergebnisse müssen, um den Einfluß des Untersuchungsteams zu reduzieren, durch statistische Auswertungen aus den Antworten gewonnen werden. Schließlich müssen die Experten untereinander anonym bleiben.
Es wird erwartet, daß ein so gewonnenes unabhängiges Gruppenurteil näher am unbekannten, richtigen Urteil liegt als ein abhängiges Gruppenurteil oder ein Einzelurteil. Hinsichtlich eines Einzelurteils läßt sich dies nicht beweisen. Das Einzelurteil kann sehr nahe beim richtigen Urteil liegen, aber auch weit davon entfernt sein. Eine Aussage über die Nähe zum richtigen Urteil läßt sich nicht machen. Die Wahrscheinlichkeit, dem richtigen Urteil nahezukommen, ist für ein unabhängiges Gruppenurteil jedoch mindestens genau so groß wie für ein Einzelurteil.
Das unabhängige Gruppenurteil sei der mittlere Wert (Median) einer Reihe von Einzelurteilen. Liegt das richtige Urteil außerhalb des Bereiches der Einzelurteile, so ist das unabhängige Gruppenurteil als Median der Einzelurteile besser als die Hälfte der Einzelurteile. Liegt das richtige Urteil dagegen innerhalb des Bereiches der Einzelurteile, so ist das unabhängige Gruppenurteil besser als mindestens die Hälfte der Einzelurteile.
Ein abhängiges Gruppenurteil kann bei einer Konferenz von dominierenden Persönlichkeiten und einem Gruppenzwang zur Konformität, bei einer Gruppenbefragung durch das Untersuchungsteam beeinflußt werden. Je nach dem ob diese Einflüsse das Gruppenurteil in Richtung auf das richtige Urteil oder aber entgegengesetzt verschieben, kann das abhängige Gruppenurteil näher am richtigen Urteil liegen als das unabhängige und damit besser sein, oder aber weiter davon entfernt liegen. Die Frage, ob das unabhängige Gruppenurteil dem abhängigen überlegen ist, läßt sich deshalb bei Unsicherheit über das tatsächlich richtige Urteil nicht allgemein entscheiden. Wird davon ausgegangen, daß eine Verschiebung des abhängigen Gruppenurteils in Richtung des richtigen Urteiles genauso wahrscheinlich ist wie in Gegenrichtung, ist die Wahrscheinlichkeit dem richtigen Urteil nahezukommen für ein unabhängiges Gruppenurteil gleich groß wie für ein abhängiges Gruppenurteil.
Statistisch hat ein unabhängiges Gruppenurteil somit zumindest die gleiche Chance, dem richtigen Urteil nahezukommen, wie ein Einzelurteil oder ein abhängiges Gruppenurteil. Weitere Faktoren lassen es jedoch plausibel erscheinen, daß es tatsächlich besser ist: Gegenüber einer Konferenz schließen die Anonymität und das feed back eine änderung der Einzelantworten in Richtung auf dominante Einzelurteile und infolge Gruppenzwangs aus. Eine Änderung des Einzelurteils hängt damit im wesentlichen von zwei Faktoren ab: von der Distanz zum bisherigen unabhängigen Gruppenurteil und von der Stärke der Unsicherheit über das eigene Urteil. Je größer beide Faktoren sind, umso größer wird die Änderung des eigenen Urteils sein.
Als Ergebnis ging aus dieser Entwicklung die sogenannte Delphi-Technik hervor, die 1963/64 von Helmer und Gordon (7) erstmalig für eine spektakuläre Langzeitprognose eingesetzt wurde.

2.2 Aufbau einer Delphi-Studie

Nach Albach (1) hat eine Gruppendiskussion zwei Hauptfunktionen: "eine Katalysatorfunktion und eine Filterfunktion. Die Katalysatorfunktion erfüllt die Aufgabe, neue, bisher in jedem einzelnen nicht bewußt vorhandene Ideen entstehen zu lassen. Die Filterfunktion besteht darin, diese Ideen in ein Gruppenurteil umzuformen." Deshalb wird in der Regel die erste Befragungsrunde (Katalysator) in Form einer offenen Befragung vorgenommen. Hierbei wird den Experten lediglich das Thema vorgegeben und diese sollen von sich aus alle Ereignisse aufzeigen, deren Eintreffen sie erwarten. Die Verwendung eines Fragebogens in Verbindung mit der Anonymität der Teilnehmer verhindert eine direkte Konfrontation der Befragten, wodurch die negativen Effekte einer Gruppendiskussion ausgeschaltet werden. Gleichzeitig erlaubt es die Anonymität in Verbindung mit dem Rückhalt durch die Gruppe risikofreudiger zu sein denn als Einzelperson. Denn ein Experte, der aufgrund seiner Überlegungen zu einem von der allgemeinen Auffassung stark abweichenden oder extremen Urteil gelangt, kann seiner Überzeugung folgen, ohne um seine Reputation oder beruflichen Position fürchten zu müssen. (9, S. 60)
Erst mit Hilfe des in der ersten Befragungsrunde ermittelten Rahmens wird daraufhin vom Untersuchungsteam der erste Fragebogen entwickelt. Hierbei ist es nicht nur wichtig, diesen Ereignis-Rahmen voll auszuschöpfen, sondern auch die Fragen so zu formulieren, daß sie weder zu allgemein noch zu detailliert sind. Die Delphi-Technik erlaubt dabei verschiedenste Arten von Fragestellungen. So kann etwa nach dem Termin oder der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines Ereignisses gefragt werden, ebenso aber auch nach Quantitäten oder Qualitäten bestimmter Entwicklungen. Voraussetzung ist allerdings immer die statistische Auswertbarkeit der möglichen Antworten.
Die weiteren Befragungsrunden erfolgen jeweils mittels Fragebogen, die nach jeder Runde statistisch ausgewertet und überarbeitet werden. Die statistische Bearbeitung der rücklaufenden Fragebogen besteht in der Regel aus der Ermittlung von Mittelwerten und deren Streuung. Hierfür bieten sich verschiedene Möglichkeiten. So können beispielsweise das arithmetische Mittel als Mittelwert und die Standardabweichung bzw. Varianz als Maß der Streuung errechnet werden. Ein anderes Verfahren ist die Berechnung des Medians als Mittelwert und der beiden mittleren Quartile als Maß der Streuung. Durch die Aufnahme der statistischen Ergebnisse in den Fragebogen sollen die Experten zu einer kritischen Reflexion ihrer Schätzungen angeregt und damit von Runde zu Runde eine zunehmende Konvergenz der Urteile erzielt werden.
Die ursprüngliche Methode besteht aus einer schriftlichen Befragung in vier Runden, wobei die erste - Katalysatorphase - anhand einer offenen Befragung und die drei folgenden Runden - Filterphase - mittels Fragebogen erfolgen. Die zweite Runde dient der Ermittlung statistischer Maßzahlen und die weiteren deren Korrektur, wobei in der dritten Runde Begründungen für außerhalb der in der zweiten Runde ermittelten Streubereiche liegende Werte erbeten und in den Fragebogen der vierten Runde eingebracht werden. Die Ergebnisse der vierten Runde stellen das Resultat der Untersuchung dar.
Wenige Jahre nach der Entwicklung der Delphi-Technik wurde eine Reihe von Experimenten durchgeführt um die der Methode zugrundeliegenden Annahmen empirisch abzusichern. Hierzu wurden Studenten aufgefordert, Schätzungen über Größen abzugeben, deren wahre Werte bekannt waren, die aber die Teilnehmer normalerweise nicht kennen konnten. Die Größen waren so allgemein gewählt, daß auf der Basis des Allgemeinwissens eine Schätzung abgegeben werden konnte. Beispiel: "Zahl der Offiziere in der holländischen Marine 1960".
Geschka (6, S. 34) faßt die Ergebnisse dieser Experimente zusammen:

Die Delphi-Technik wurde zunächst in erster Linie als eine Methode der technologischen Vorausschau angesehen (6, S. 36). Sie wird als Prognosemethode vor allem auf Gebieten eingesetzt, für die es keine Alternativen zum Expertenurteil gibt oder diese nicht anwendbar sind. Hierunter fallen sowohl neue Gebiete, bei denen es keine oder zu wenig Informationen aus der Vergangenheit gibt, als auch solche, die die Beurteilung der Auswirkung vieler zusammenhängender Faktoren erfordern. Darüber hinaus sind es Gebiete, bei denen der technische Fortschritt mehr von Entscheidungen dritter Personen als von den gegebenen technischen Möglichkeiten selbst beeinflußt wird (9, S. 60). Mittlerweile wird die Delphi-Technik generell als Instrument der Entscheidungs- und Willensbildung eingesetzt. Das ursprüngliche Verfahren wurde dazu vielfältig verändert. Die Grundprinzipien der Delphi-Technik wurden jedoch bei allen Anwendungen beibehalten. Es sind dies Die Delphi-Technik als ausgeklügeltes Verfahren der schriftlichen Befragung über mehrere Runden bei untereinander anonymen Teilnehmern und einer Ergebnisrückkopplung nach jeder Runde soll die Nachteile alternativer Verfahren der Integration mehrerer Expertenmeinungen (Konferenz, Befragung) vermeiden. "Man geht davon aus, daß bei diesem Vorgehen tatsächlich eine Konvergenz der Meinungen zustande kommt. Jeder Teilnehmer kann ja, ohne an Reputation zu verlieren, sein Urteil ändern. Durch eine statistische Verarbeitung der Informationen sollen ferner subjektive Einflußnahmen des Untersuchungsteams auf die Ergebnisse ausgeschaltet werden." (6, S. 32)
Im Bereich Landwirtschaft und Gartenbau ist die Delphi-Technik schon mehrfach für Prognosen eingesetzt worden. Neben der bereits zitierten Arbeit von Mohn (9) über die Entwicklung mechanisch-technischer Fortschritte sind insbesondere die Arbeiten von Rehrl (10) über Agrarstrukturentwicklungen und Bögemann (3) über den technologischen und strukturellen Wandel im Gartenbau zu nennen.

3 Erscheinungsformen landwirtschaftlicher Betriebe

3.1 Begriff

Der Begriff der Erscheinungsform eines landwirtschaftlichen Betriebes ist im Rahmen dieser Untersuchung gleichbedeutend mit der Frage: "Was wird in einem Betrieb wie und in welchem Umfang produziert?" Aufgrund der engen Verflechtung von Betrieb und Unternehmen in der Landwirtschaft sind dabei auch unternehmerische Entscheidungen, soweit sie sich auf das Erscheinungsbild auswirken, zu berücksichtigen. Die Erscheinungsform umfaßt das Produktionsprogramm und die Faktorausstattung.
Hinsichtlich des Produktionsprogrammes unterscheidet der Agrarbericht der Bundesregierung in die fünf Betriebsformen Marktfruchtbaubetriebe, Futterbaubetriebe, Veredelungsbetriebe, Dauerkulturbetriebe und Landwirtschaftliche Gemischtbetriebe. Die Zuordnung der Betriebe zu den Betriebsformen erfolgt nach statistisch ermittelten Deckungsbeiträgen je Flächen- und Tiereinheit. Wird mindestens die Hälfte des durch Multiplikation mit dem Umfang der Produktion ermittelten Gesamtdeckungsbeitrages des Betriebes in einer der vier erstgenannten Kategorien erzielt, so wird der Betrieb dieser zugeordnet, ansonsten stellt er einen Gemischtbetrieb dar. In dieser Studie werden überwiegend die drei Betriebsformen bzw. Produktionsrichtungen Marktfruchtbau, Futterbau und Veredelung betrachtet. Für Gemischtbetriebe, deren Produktionsprogramm eine Mischung aus diesen Produktionsrichtungen, einschließlich Dauerkulturen, darstellt, gelten die erzielten Aussagen grundsätzlich ebenfalls, wenn auch nach Maßgabe des Umfanges der entsprechenden Produktionsrichtung. Der Bereich der Dauerkulturen ist sehr heterogen bezüglich der Kulturen und der regionalen Verteilung und muß in weiten Bereichen detaillierteren Untersuchungen vorbehalten bleiben.
Die Produktionsfaktoren werden klassisch in die drei Bereiche Arbeit, Boden und Kapital eingeteilt. Bei einer Betrachtung auf betrieblicher Ebene sind dabei die Eigentumsverhältnisse ohne Belang. Von großer Bedeutung sind jedoch neben den Quantitäten der Produktionsfaktoren auch deren Qualität. Dies ist bei landwirtschaftlicher Nutzfläche vor allem die Ackerfähigkeit und die Bonität, bei den Arbeitskräften der Ausbildungsstand und die Motivation und beim Kapital die Flexibilität.
Ein darüber hinaus die Erscheinungsform eines Betriebes wesentlich prägender Punkt ist die Betriebsorganisation. Sie entscheidet nicht nur über das Produktionsprogramm, sondern auch über die Art und Weise der Durchführung der einzelnen Verfahren und damit den Faktoreinsatz. Wichtige Entscheidungen in diesem Bereich sind etwa die Auslagerung von Funktionen aus dem Betrieb, z.B. die Ernte von Mähdruschfrüchten oder die Nachzucht von Rindern, die Spezialisierung der Produktion auf bestimmte Verfahren sowie der Umfang der im Betrieb geleisteten Arbeitszeit.

3.2 Bestimmungsfaktoren des betrieblichen Wandels

Die Erscheinungsform eines landwirtschaftlichen Betriebes unterliegt im Zeitablauf einem Wandel. Wichtige Ursachen dieses Wandels sind der technische Fortschritt in all seinen Erscheinungsformen, die Entwicklungen auf den Produkt- und Faktormärkten und die Änderung des rechtlichen Rahmens durch gesetzliche Bestimmungen.
Der technische Wandel vollzieht sich zu einem Gutteil autonom, d.h. der Anreiz für die Entwicklungen geht nicht unmittelbar von der Landwirtschaft aus. Vielmehr partizipiert diese an den Entdeckungen und Entwicklungen in anderen Bereichen, wie etwa dem Maschinenbau, der Biologie und Chemie, oder der Mikroelektronik. Von diesem autonomen kann der sogenannte induzierte technische Fortschritt unterschieden werden. So lösen beispielsweise Veränderungen auf den Produkt- und Faktormärkten oder bei den rechtlichen, gesamtwirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen intensive Bestrebungen aus, die Betriebe an die neuen Anforderungen anzupassen. Als Ansatzpunkte hierfür sind insbesondere zu nennen:

Um diese Vielfalt der Entwicklungen zu gliedern, wird in der Regel in mechanisch-technischen, biologisch-technischen und organisatorisch- technischen Fortschritt unterschieden. In den Bereich der mechanisch-technischen Fortschritte fallen dabei die Entwicklung neuer Maschinen und Geräte zur Arbeitserledigung. Biologisch-technische Fortschritte bestehen meist aus der Verbesserung des genetischen Materials von Nutzpflanzen und -tieren. Für eine sinnvolle Verknüpfung des bereitgestellten Materials mechanischer und biologischer Entwicklung zu Produktionsverfahren bedarf es zudem der Organisation. Für eine Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Produktionsverfahren ist deshalb der organisatorisch-technische Fortschritt von entscheidender Bedeutung.
Die Landwirtschaft ist kein isolierter Wirtschaftsbereich, sondern in das Netz der Nahrungswirtschaft (Agribusiness) eingebunden. D.h. sie bezieht Vorleistungen aus anderen Wirtschaftsbereichen und gibt Produkte und Leistungen nach außen ab. Die hierbei zu treffenden Entscheidungen obliegen zwar dem Bereich des Unternehmens, sie wirken sich jedoch unmittelbar auf den Betrieb aus. So prägt etwa die Wahl des Absatzweges das Erscheinungsbild eines Betriebes erheblich. Sollen Produkte direkt vermarktet werden, so müssen hierfür entsprechende Kapazitäten in Form eines Verkaufsraumes und betrieblicher Arbeitszeit bereitgestellt werden; auch ist die äußere Erscheinung des Betriebes von Bedeutung. Soll der Absatz über Verträge mit Abnehmern gesichert werden, so muß der Betrieb in der Lage sein, die ihm aus dem Vertrag entstehenden Pflichten, etwa bestimmte Mengen einer bestimmten Qualität zu bestimmten Zeitpunkten zu liefern, zu erfüllen.
Dies erfordert ein marktgerechtes Verhalten der Landwirte sowohl bei den Produkten und Leistungen als auch hinsichtlich der Marktstruktur. Hierzu zählen insbesondere: Darüber hinaus ist die Landwirtschaft an eine Vielzahl von Rechtsnormen gebunden, die in den Produktionsprozeß eingreifen. Neben einer ganzen Reihe von sektorspezifischen Regelungen, wie dem Sortenschutzgesetz, dem Saatgutverkehrsgesetz, dem Tierzuchtgesetz, dem Viehseuchengesetz, dem Düngemittelgesetz, dem Futtermittelgesetz oder dem Gesetz zum Schutz der Kulturpflanzen, sind von der Landwirtschaft zusätzliche Vorschriften zu beachten. So besteht etwa nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz vom 15.04.1974 eine Genehmigungspflicht für den Neubau von Anlagen zum Halten von Geflügel oder Schweinen ab einer bestimmten Größenordnung. Auch ist im Abfallbeseitigungsgesetz vom 05.01.1977 festgehalten, daß das Überschreiten des "üblichen Maßes der landwirtschaftlichen Düngung" bei Jauche, Gülle oder Stallmist als Abfallbeseitigung anzusehen ist.

3.3 Aktuelle Situation

Der Sektor Landwirtschaft ist ein stark reglementierter Wirtschaftsbereich. Zwar wurden diese Reglementierungen überwiegend zum Schutz der Landwirtschaft getroffen, sie behindern jedoch teilweise die Entwicklung des Sektors. So werden landwirtschaftliche Betriebe z.B. steuerlich anders behandelt als die übrigen Gewerbebetriebe, was zunächst mit steuerlichen Vorteilen für die Landwirte verbunden ist. Gleichzeitig existieren jedoch Obergrenzen, ab denen landwirtschaftliche zu Gewerbebetrieben werden. Ein Überschreiten dieser Grenzen führt dazu, daß der nunmehr entstandene Gewerbebetrieb unter erheblich ungünstigeren Umständen mit landwirtschaftlichen Betrieben konkurrieren muß.
Analoges gilt auch für einige Produktionsbereiche, die durch Produktkontingente geregelt sind. Dies in der Milcherzeugung in Bayern dazu geführt, daß seit Einführung der Kontingentregelung keinerlei Milchleistungssteigerungen zu beobachten sind. Dies bedeutet nicht, daß es in den letzten Jahren zu keinerlei züchterischem Fortschritt auf diesem Gebiet mehr gekommen ist. Es zeigt vielmehr die komplexe Verzahnung der einzelnen Einflußbereiche. So ist es unter bestimmten Bedingungen, etwa hoher Anteil absoluten Grünlandes und/oder geringe Anzahl von Kühen, bei festgelegten Kontingentmengen nicht sinnvoll, das genetische Potential der Tiere auszuschöpfen.
Aktuelle Probleme, wie Nitratbelastung von Trinkwasser oder Rückgang wildlebender Tier- und Pflanzenarten, lassen weitere Reglementierungen erwarten.

4 Durchführung einer Delphi-Studie

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Prognose der Entwicklung in den Bereichen technische Fortschritte, Märkte und rechtliche Rahmenbedingungen. Hierzu wurden ausgewählte Experten in zwei Runden im April und Oktober 1991 mittels eines Fragebogens schriftlich befragt.

4.1 Die Katalysatorphase

Bei der klassischen Delphi-Methode sind die Fragen der ersten Runde völlig offen. Die Experten werden aufgefordert, eine Prognose über ein bestimmtes Gebiet abzugeben. "Die Nachteile dieses Vorgehens bestehen in psychologischen Schwierigkeiten für den prognoseungewohnten Experten, der nicht weiß wo und wie zu beginnen. Ohne gezielte Fragen kann die Prognose des Experten möglicherweise an dem zu untersuchenden Problem völlig vorbeigehen." (9, S. 61) Um die Befragung nicht mit einem "leeren Blatt" zu beginnen, wurde deshalb ein mehrphasiges Vorgehen zur Strukturierung des Themengebietes gewählt. Dazu wurden zunächst in einem Literaturstudium mögliche zukünftige Ereignisse ermittelt. Diese dienten anschließend als Gesprächsfaden bei einer mündlichen Befragung einer kleinen Gruppe von Experten. Mit Hilfe des so gewonnenen Rahmens möglicher zukünftiger Ereignisse wurde anschließend ein erster Fragebogen entworfen, der zwar strukturiert war, gleichzeitig jedoch zu jeder Frage die Angabe weiterer möglicher zukünftiger Ereignisse gestattete. Zusätzlich wurden die Befragten aufgefordert, weitere Vorstellungen einzubringen, die sie im Fragebogen vermißten.
Der Fragebogen dieser Vorrunde gliederte sich in die sechs Bereiche:

Der Teil "Allgemeines" sollte die Einordnung der Antworten der übrigen Fragebogenteile in einen Gesamtrahmen ermöglichen. Dazu wurden die Befragten zunächst aufgefordert, die wichtigsten Einflußbereiche für die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft nach ihrer Bedeutung zu ordnen. Analog wurde anschließend nach den wichtigsten Entwicklungen in den Bereichen Agrarpolitik, Umweltpolitik, technischer Fortschritt, Märkte für landwirtschaftliche Produkte und Leistungen sowie Agrarstruktur gefragt.
Daran anschließend wurden den Befragten aktuelle und erwartete technische Entwicklungen vorgelegt, und sie sollten über deren Realisierbarkeit bis zum Jahre 2010 bei bestimmten Tier- oder Pflanzenarten, Umfängen des entsprechenden Produktionsverfahrens oder Betriebsformen entscheiden. Bei jeder Frage war die Angabe zusätzlicher Entwicklungen möglich.
Im Laufe der bisherigen Katalysatorphase war der Eindruck entstanden, daß die Umweltpolitik in Zukunft eine herausragende Rolle für die Landwirtschaft spielen würde. Deshalb wurde im Bereich "Rechtlicher Rahmen" nach erwarteten Maßnahmen in bestimmten Eingriffsbereichen gefragt. In einer weiteren Frage sollte der Umfang von Änderungen in verschiedenen Rechtsbereichen, z.B. Steuerrecht, Grundstücksrecht, abgeschätzt werden.
Bezüglich der Märkte wurden zwei Fragen gestellt. Mit der ersten sollte abgeschätzt werden, wie sich Angebot und Nachfrage auf verschiedenen Märkten sowie der direkte Einfluß der Agrarpolitik auf diese Märkte entwickeln werden. Die zweite Frage zielte auf die Beurteilung der Reaktion der Landwirte in den einzelnen Betriebsformen auf die Herausforderungen der Märkte.
Unter dem Begriff "Sonstiges" wurde anhand zweier offener Fragen nach dem erwarteten Einfluß der Entwicklung in Mittel- und Osteuropa und den erwarteten Effekten der globalen Entwicklungen (Treibhauseffekt, Ozonloch) auf die bundesdeutsche Landwirtschaft gefragt.
Im letzten Fragebogenteil sollten schließlich Schätzungen über erwartete Durch-schnitts- und Spitzenwerte der Tier- bzw. Flächenproduktivität im Jahre 2010 bei verschiedenen Produktionsverfahren der tierischen und pflanzlichen Produktion abgegeben werden.
Dieser Fragebogen wurde einer Reihe von Wissenschaftlern der TU München aus den Bereichen Pflanzenproduktion, Tierproduktion, Agrarökonomie, Landtechnik und Landschaftsökologie zur Beantwortung vorgelegt.
Da dieser Fragebogen als Katalysator und nicht als Filter gedacht war, konnte es bei der Auswertung nicht um die Ermittlung von Mittelwerten und deren Streuung gehen. Die Auswertung bezog sich vielmehr auf folgende vier Komplexe: Durch das Einbringen der Auswertungsergebnisse in den Fragebogen entstand der erste Fragebogen für die eigentliche Delphi-Befragung. Dieser gliederte sich nunmehr in die sieben Teile: Da die Experten sich zum Großteil nicht für den gesamten Komplex "Technischer Fortschritt" kompetent hielten, schien es sinnvoll, diesen in die Teilbereiche "Tierproduktion", "Pflanzenproduktion" und "Betriebsorganisation" zu gliedern.
Der Bereich "Sonstiges" wurde fallengelassen, da die dort ermittelten Entwicklungen implizit in anderen Bereichen enthalten sind. So führt etwa eine zunehmende Trockenheit aufgrund des gesteigerten Treibhauseffektes zu Änderungen in den Bereichen Pflanzenzucht (Anpassung der Pflanzen an den Streßfaktor Trockenheit) und Pflanzenbau (Entwicklung neuer Anbautechniken).
Die Befragten wurden aufgefordert, die Fragen des Allgemeinen Teiles sowie der Teile, die zu ihrem speziellen oder allgemeinen Arbeitsgebiet zählen, zu bearbeiten. Da beim Pretest ausschließlich Wissenschaftler der TU München befragt wurden, mußte verhindert werden, daß die gesamte Untersuchung aufgrund einer gemeinsamen Ausrichtung verfälscht wurde. Deshalb wurde erneut die Möglichkeit geboten, zu jeder Frage zusätzliche, bisher nicht vorgeschlagene Punkte anzugeben. Auch wurden die Fachleute aufgefordert, ihre Vorstellungen kurz darzustellen, falls der Fragebogen sie nicht vollständig erfaßte.

4.2 Die Teilnehmer

Die Auswahl der Experten ist für die Qualität einer mit Hilfe der Delphi-Technik erstellten Prognose von entscheidender Bedeutung. Die Identifizierung von qualifizierten Experten bereitet eine Reihe von Schwierigkeiten. "Die bisherige Zuverlässigkeit der Experten kann als Auswahlkriterium verwendet werden, wenn frühere Prognosen des Experten vorliegen und überprüfbar sind. Als weitere Kriterien können die Zahl der Berufsjahre oder Publikationen und die Stellung innerhalb der Gruppe aller Fachkollegen herangezogen werden" (9, S. 64).
"Um zu verhindern, daß die gesamte Expertengruppe mit ihrer Prognose aufgrund einer gemeinsamen Ausrichtung schief liegt, müssen Experten verschiedener 'Schulen' und Richtungen ausgewählt werden. Schließlich ist es wichtig, Experten zu finden, die genügend Zeit zur Mitarbeit aufbringen können und die vor allem bereit sind, in allen Runden mitzuarbeiten." (9, S. 65)
Die Forderung, daß in einem Panel Kenner aller Einflußbereiche des Problemfeldes vertreten sind, läßt sich in der Praxis nur schwer voll erfüllen. Einerseits fehlt zu Beginn einer Untersuchung die Übersicht über alle Einflußbereiche und die kompetenten Fachleute; zum anderen liegt bei mehreren Themenkomplexen einer Befragung eine Vielzahl von Einflußbereichen vor, die nur mit einer großen Zahl von Experten abgedeckt werden können. Man wird daher einen Kompromiß schließen müssen. Geht man davon aus, daß tatsächliche Experten bessere Schätzungen abgeben als Nicht-Experten, dann empfiehlt es sich, ein kleineres, aber dafür kompetentes Panel zusammenzustellen; ein größerer Teilnehmerkreis ersetzt fehlende Fachkenntnisse nur sehr bedingt. Es wird davon ausgegangen, daß eine Zahl von 12-15 Teilnehmer je Themenkomplex ausreichend ist. Werden in der Befragung unterschiedliche Themenkomplexe behandelt, so erhöht sich die erforderliche Teilnehmerzahl entsprechend.
Neben der Berücksichtigung aller thematischen Bereiche des Untersuchungsgegenstandes sollten auch sämtliche für die Entwicklung der Landwirtschaft relevanten Kräfte beteiligt werden. Im Panel sollten sowohl Praktiker (Landwirte), Fachleute aus Industrie und Handwerk, Wissenschaftler, Experten aus Politik und Verwaltung als auch Vertreter weiterer wichtiger Gruppen, wie etwa Umweltschutzverbänden, vertreten sein.

Tabelle 1. Entwicklung der Teilnehmerzahlen
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                                  1. Runde                   2. Runde
                         angeschrieben eingegangen  angeschrieben eingegangen
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Praktische Landwirtschaft      26           10            10            6
Wissenschaft                   36           27            27           22
Industrie und Handwerk         14            7             7            5
Andere Bereiche                 4            3             3            3
gesamt                         80           47            47           36
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Ein großer Feind wiederholter schriftlicher Befragungen ist die sogenannte "Panel-Mortalität", d.h. daß von Runde zu Runde einige Teilnehmer ausscheiden. Bei einer Befragung über vier Runden sind Mortalitäten von 60-70% eher die Regel als die Ausnahme. Man ist also meist gut beraten, zunächst mindestens die doppelte Anzahl der benötigten Teilnehmer anzuschreiben und im weiteren die Teilnehmer durch entsprechende Motivation "bei der Stange zu halten". Dies beginnt damit, daß die Teilnehmer ausführlich über die spezifische Aufgabenstellung der Untersuchung informiert werden. Sie sollen darüber hinaus ausführliche Informationen über die Delphi-Technik und den auf sie zukommenden Arbeitsaufwand erhalten. Auch müssen statistische Fachausdrücke wie etwa der Median erläutert und an Beispielen anschaulich dargestellt werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.
Ausgehend von der Überlegung, daß einzelne Experten in mehreren Teilbereichen kompetent sind, wurde ein Panel von 30 Fachleuten angestrebt. Damit sollten zu den drei Bereichen technische Fortschritte, Entwicklung auf den Märkten und Entwicklung des rechtlichen Rahmens jeweils mindestens zwölf Expertenstimmen vorliegen. Um dies zu erreichen, wurden in der ersten Befragungsrunde 80 Fachleute angeschrieben. Die Entwicklung von Umfang und Zusammensetzung des Panels ist in Tabelle 1 zusammengestellt.

4.3 Fragetypen und Auswertungen

Bei der Befragung kamen verschiedene Fragetypen zur Anwendung, die jeweils unterschiedliche Auswertungen erforderten. Neben der Beantwortung offener Fragen sollten von den Teilnehmern Rangziffern vergeben, aus vorgegebenen Möglichkeiten ausgewählt und konkrete Werte geschätzt werden.
Den größten Auswertungsaufwand erfordern offene Fragen. Hier muß jede einzelne Antwort durchgearbeitet und klassifiziert werden. Liegen Antworten außerhalb des bereits bestehenden Klassifizierungssystems, so muß entschieden werden, ob sie als zusätzliche Kategorie aufgenommen oder verworfen werden oder ob sich eine bereits bestehende Kategorie entsprechend erweitern läßt, um die Aufnahme dieser Antwort zu gestatten. Insbesondere in der Katalysatorphase einer Untersuchung existiert jedoch keine Alternative zur offenen Befragung. Hier liegt dementsprechend auch der größte Arbeitsaufwand für das Untersuchungsteam.
Bei den Fragen des allgemeinen Teiles sollten die Befragten die ihres Erachtens wichtigsten fünf Punkte nach Ihrer Bedeutung einstufen. Dem wichtigsten Punkt wurde die Rangziffer "1" zugeordnet, dem zweitwichtigsten die "2" usw. Die absolute Wichtigkeit sowie die Differenzen zwischen den einzelnen Rängen blieben dabei unberücksichtigt. Zur Auswertung der Antworten wurde zunächst für alle genannten Punkte, denen die Teilnehmer keinen der Ränge "1" bis "5" zugewiesen hatten, der Rang "6" vergeben. Anschließend wurde für jeden Punkt der arithmetische Mittelwert der Rangziffern sämtlicher Antworten gebildet und die Ränge nach aufsteigenden Mittelwerten vergeben. D.h. der Punkt mit dem niedrigsten Mittelwert erhielt den Rang "1".
Bei einer Reihe von Fragen sollten die Experten aus verschiedenen Antwortklassen auswählen. Die Beantwortung kann durch Ankreuzen einer Antwortklasse oder Angabe des zugehörigen Skalenwertes erfolgen. Zur Auswertung wurde bei Fragen mit zwei Antwortmöglichkeiten die relative Häufigkeit als Verhältnis der zustimmenden zu allen Antworten ermittelt. Bei Vorgabe einer Skala mit mehr als zwei Antwortmöglichkeiten wurde als Mittelwert der Median oder Zentralwert ermittelt. Dies ist der Wert, der eine geordnete Verteilung genau in zwei Hälften teilt: Die Hälfte der Fälle hat einen kleineren, die andere einen größeren Skalenwert als der Median. Er hat gegenüber dem arithmetischen Mittelwert den Vorteil, daß er durch extreme Werte nicht berührt wird und auch verwendet werden kann, wenn Klassen offen enden. Als Maß der Streuung der Antworten wurde die Spanne zwischen der ersten und der dritten Quartile verwendet. Quartilen sind die Werte, die eine geordnete Verteilung genau in vier Viertel teilen. Die zweite Quartile entspricht dem Median.
Im letzten Fragebogenteil sollten die Experten Produktivitätskennwerte schätzen. Aus diesen Schätzungen wurden der Median und die Quartilen ermittelt. Darüber hinaus wurde der arithmetische Mittelwert und die Varianz bzw. die Standardabweichung berechnet. Der arithmetische Mittelwert wird berechnet aus der Summe der Beobachtungswerte dividiert durch deren Anzahl. Die Varianz ergibt sich aus den quadrierten Abweichungen der einzelnen Werte vom arithmetischen Mittelwert. Die Standardabweichung ist die Quadratwurzel der Varianz.

4.4 Die Filterphase

Die rücklaufenden Fragebogen müssen nach jeder Befragungsrunde vom Untersuchungsteam überarbeitet werden. Nach Auswertung der ersten Runde müssen die Teilnehmer nach dem Konzept der Delphi-Befragung über die bis dahin vorliegenden Ergebnisse informiert werden, um sodann ihre eigene Einschätzung mit der als Ergebnis der ersten Runde erhaltenen Voraussage zu vergleichen. Dies macht es erforderlich, die Ergebnisse der ersten Runde in den Fragebogen einzubinden. Zwar sollte der Fragebogen zwischen den Runden möglichst wenig Veränderungen erfahren, die Darstellung der Ergebnisse der vorangegangenen Runde beansprucht jedoch soviel Raum, daß eine Straffung des Fragebogens geboten erscheint. Diese soll unter Berücksichtigung der vorliegenden Ergebnisse erfolgen.
Das Untersuchungsteam hat in der Filterphase die Optionen, Fragen unverändert zu übernehmen, Fragen zu verändern, gegebenenfalls durch neue Fragen zu ergänzen und Fragen zu streichen. Für welche dieser Optionen sich das Befragungsteam letztlich entscheidet, hängt ab vom verwendeten Fragetyp, dem erhaltenen Ergebnis, der Reaktion der befragten Experten und der Frage, inwieweit ein Themengebiet durch Überschneidung mit anderen schon abgedeckt ist. Letzterem wird insbesondere hinsichtlich einer nötig erscheinenden Kürzung des Fragebogens besonderes Augenmerk gewidmet.
Der Fragetyp spielt vor allem bei der Wiederholung einer Frage, auf die nur mit Ja oder Nein geantwortet werden kann, eine Rolle. Im Gegensatz zu Fragen nach Zahlenwerten, z.B. dem durchschnittlichen Getreideertrag im Jahr 2010, bei denen davon ausgegangen wird, daß sie sich mit jeder Befragungsrunde dem unbekannten, tatsächlichen Wert stärker annähern, ist durch einen mit den Runden zunehmendem Konsens zwischen den Teilnehmern bei einer nur mit Ja oder Nein zu beantwortenden Frage in der Regel kein Erkenntnisgewinn verbunden. Wenn eine Frage schon in der ersten Runde von 80 % der Teilnehmer mit Ja beantwortet wird, so ist durch eine Steigerung der Zustimmung auf 85 % wenig gewonnen. Aus diesem Grund wurden entsprechende Fragen um die unstrittigen Punkte gekürzt bzw. entfielen gänzlich.
Dasselbe gilt prinzipiell auch für den Fragentyp, bei dem die Antwortmöglichkeiten auf fünf Klassen (z.B. "starke Zunahme", "Zunahme", "keine Änderung", "Abnahme", "starke Abnahme") begrenzt sind. Variieren die Antworten der Befragten nur zwischen "Zunahme" und "starke Zunahme", so stellt die Klärung der Frage, ob die Zunahme gewöhnlich oder stark ist, wohl eher ein semantisches Problem dar. Der eigentliche Inhalt der Frage dagegen, nämlich die Tendenz der zukünftigen Entwicklung, ist ausreichend beantwortet. Umgekehrt bietet der Mittelwert "keine Änderung" bei Antworten, die stark zwischen den beiden Extremen polarisiert sind, keine Erkenntnis. Aus diesem Grund konnten die meisten entsprechenden Fragen nach der ersten Befragungsrunde als beantwortet betrachtet werden. Aspekte von Fragen, deren Antwortbereich stark zwischen den möglichen Grenzwerten schwankte, wurden in neu aufgenommene, offene Fragen integriert.
Wurden in der ersten Runde von den Experten Ränge vergeben, so konnten die betreffenden Fragen um diejenigen Bereiche gekürzt werden, über deren vorrangige bzw. nachrangige Stellung Einigkeit herrschte.
Die Reaktion des Untersuchungsteams auf die Antworten und Kommentare der Befragten spielt auch bei der Überarbeitung des Fragebogens eine wichtige Rolle. Wie bereits angeführt, kann auf die Wiederholung von Fragen, die weitgehend übereinstimmend beantwortet werden, verzichtet werden. Dafür können vage Frage-Formulierungen, die sich allgemeiner Zustimmung erfreuen, präzisiert werden. So wurde z.B. eine offene Frage zur Konkretisierung des Begriffs "verschärfte Umweltstandards" eingefügt, da diesen als erwartete Maßnahme in der Umweltpolitik von den Experten für die Zukunft überragende Bedeutung beigemessen wird.
Eine weitere von der Delphi-Technik vorgesehene Möglichkeit ist die Übernahme von Kommentaren der Experten. Ein Beispiel hierfür ist der Kommentar eines Teilnehmers, wonach Bordcomputer auf dem Schlepper zwar unrentabel seien und auch zukünftig blieben, sich aber dennoch aufgrund der Werbung der Hersteller durchsetzen würden. Leider waren die Teilnehmer in der ersten Runde mit ähnlichen Kommentaren recht sparsam, so daß dies der einzige Fall ist, in dem ein von der Mehrheit abweichender Standpunkt zur Diskussion gestellt werden konnte, obwohl es vom Delphi-Konzept her eigentlich für alle Fragen vorgesehen ist.
Der Notwendigkeit, den Fragebogen überschaubar zu halten, fielen Fragen, die thematisch mit anderen Fragen eng verwandt sind, zum Opfer. In erster Linie betrifft dies den Fragenbereich "Rechtlicher Rahmen", der einige Überschneidungen mit den Fragen zu den allgemeinen Rahmenbedingungen der Landwirtschaft aufwies.

5 Prognose zukünftiger Entwicklungen

5.1 Entwicklung der Rahmenbedingungen

Die Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe wird nach Ansicht der Befragten entscheidend von der Umweltpolitik geprägt werden. Hinter diesen Einflüssen sollen selbst Agrarpolitik und technische Fortschritte zurückbleiben.
Die Preispolitik wird voraussichtlich auch weiterhin das zentrale Instrument der Agrarpolitik sein. Daneben ist mittelfristig verstärkt mit mengenbeeinflussenden Maßnahmen zu rechnen. Auf längere Sicht wird jedoch der Einkommenspolitik vor Mengenregulierungen der Vorzug gegeben.
Agrarstruktur- und Agrarsozialpolitik sollen dagegen von untergeordneter Bedeutung für die betriebliche Entwicklung bleiben. Die klare Dominanz der Preispolitik vor der Strukturpolitik deutet ebenso wie die langfristig zurückgehende Bedeutung der Mengenpolitik auf ein nach wie vor bestehendes Vertrauen in die Kräfte des Marktes zur Lösung der aktuellen Probleme hin.
Eine generelle Richtungsänderung der Agrarpolitik wird mehrheitlich erwartet. Zum Teil haben sich diese Erwartungen mit der Umsetzung der EG-Agrarreform bereits erfüllt, zum Teil erwarten (oder erhoffen?) die Teilnehmer aber auch eine Wende hin zu konsequentem Umweltschutz oder aber konsequenter Marktwirtschaft.
Maßnahmen in der Umweltpolitik werden nach Ansicht der befragten Experten vor allem auf die stoffliche Belastung von Boden, Wasser, Luft und Nahrungsmitteln abheben. Hier werden sowohl verhaltensorientierte Maßnahmen, etwa eine mengenmäßige und terminliche Begrenzung der Ausbringung von Düngemitteln, als auch ergebnisorientierte Maßnahmen, wie die verschärfte Festlegung von Grenzwerten für Rückstände bei gleichzeitig verschärften Kontrollen, erwartet. Viehhaltende Betriebe werden vor allem mittelfristig mit schärferen Tierschutzregelungen konfrontiert, daneben müßen sie auch mit einer weiter absinkenden Toleranz der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung gegenüber der Geruchsbelastung durch die landwirtschaftliche Viehhaltung rechnen.
Zur Durchsetzung umweltpolitischer Ziele werden kaum fiskalische Instrumente erwartet. Die häufig diskutierte Produktionsmittelbesteuerung wird von den Befragten mit großer Mehrheit nicht erwartet. In der Pflanzenproduktion wird insbesondere auf Beratung der Landwirte, daneben auf Verbote und Mengenbegrenzungen gesetzt. In der Tierhaltung soll es vor allem zu Verboten kommen.
Voraussichtlich wird die Agrarpolitik in den nächsten Jahrzehnten insbesondere durch eine Zunahme der Natur- und Landschaftsschutzprogramme sowie eine Förderung nachwachsender Rohstoffe geprägt sein. Gleichzeitig soll der Einfluß auf die Agrarpreise nicht nachlassen, der auf die Produktionsmengen sogar steigen. Zur Verbesserung der Agrarstruktur sollen vor allem Sozialprogramme zunehmen, um das Ausscheiden von bislang in der Landwirtschaft tätigen Arbeitskräften sozial abzufedern.
Ziele technischer Entwicklungen könnten vor allem die Entwicklung umweltschonender Produktionsverfahren sowie die Verbesserung der Produktqualität sein. Auch die Entwicklung artgerechter Formen der Tierhaltung soll langfristig eine gewisse Bedeutung erlangen. Die Erreichung weiterer Ertragssteigerungen wird dagegen nach Ansicht der Experten in den Hintergrund treten. Ebenfalls von untergeordneter Bedeutung soll die Entlastung des Menschen bei der Arbeit durch Einsparung von Arbeitszeit und Einführung arbeitswirtschaftlicher Erleichterungen sein.
Die Landwirtschaft wird mit aller Wahrscheinlichkeit ihrer traditionellen Aufgabe der Produktion von Nahrungsmitteln treu bleiben. Ob daneben andere Produkte, wie nachwachsende Energien oder industrielle Rohstoffe, in das Produktionsprogramm aufgenommen werden oder verstärkt Dienstleistungen in Landschaftspflege, Natur- und Artenschutz erbracht werden, konnte in dieser Untersuchung nicht eindeutig geklärt werden, da die Teilnehmer hierzu gegensätzliche Positionen vertreten.
Diejenigen, die nachwachsenden Rohstoffen eine wichtige Rolle in der Zukunft zumessen, begründen dies vor allem mit der Endlichkeit fossiler Ressourcen, Umweltfreundlichkeit von Energie aus nachwachsenden Rohstoffen und einer Technologieentwicklung, die nachwachsende Rohstoffe rentabel machen wird. Aber auch damit, daß durch nachwachsende Rohstoffe der Landwirtschaft ein neues Standbein geschaffen wird, es prinzipiell sinnvoller sei zu produzieren anstatt stillzulegen, bei der Produktion nachwachsender Rohstoffe die Erhaltung des ländlichen Raumes als Nebenprodukt anfällt und ein größerer Beschäftigungseffekt zu erwarten sei als durch bezahlte Landschaftspflegemaßnahmen. Die Probleme bei der Honorierung von Dienstleistungen zur Erhaltung des ländlichen Raumes, nämlich das Fehlen administrativ umsetzbarer Verfahren zur Quantifizierung derselben, den Kosten in Form von Steuergeldern und daraus resultierend eines für die Landwirtschaft abträglichen Images von Almosenempfängern, sprechen nach Ansicht dieser Gruppe ebenfalls für eine größere Bedeutung nachwachsender Rohstoffe.
Die Befragten, die den durch Landwirte erbrachten Dienstleistungen in Zukunft größeres Gewicht beimessen, kritisieren in erster Linie die mangelnde Wirtschaftlichkeit nachwachsender Rohstoffe, die mittelfristig auch nicht wesentlich verbessert werden könne, da es in den nächsten 20 bis 30 Jahren kaum zu einer Verknappung fossiler Energieträger kommen werde. Eine Preisstützung, die nachwachsende Rohstoffe rentabel mache, sei politisch nicht gewollt und würde mehr Mittel verschlingen als die Honorierung der Dienstleistungen zur Erhaltung des ländlichen Raumes. Zudem würden auch bei der Produktion nachwachsender Rohstoffe Umweltbelastungen entstehen. Angesichts der Umweltauflagen in der Bundesrepublik sei eine Produktion daher eher in Entwicklungsländern oder Osteuropa wahrscheinlich. Allerdings müsse man Rohstoffe für die Industrie, z.B. Stärke, anders beurteilen als die Produktion von Energiepflanzen.
Als Vorteile der Dienstleistungen werden die steigende Nachfrage nach Landschaft als Erholungsraum in einer Freizeitgesellschaft und der aus dieser Nachfrage resultierende höhere Beschäftigungseffekt genannt. Eingeschränkt werde die Vorteilhaftigkeit durch die Möglichkeit einer eindeutigen politischen Entscheidung zugunsten der anderen Alternative und durch regionale Unterschiede.
Die Agrarstruktur wird nach Einschätzung der Expertenrunde langfristig von der Entwicklung der landwirtschaftlichen Einkommen bestimmt werden. Darüberhinaus wird in den folgenden Jahrzehnten eine unterschiedliche Entwicklung erwartet. Bis zur Jahrtausendwende soll die Überalterung landwirtschaftlicher Betriebsleiter zu einem verstärkten Ausscheiden von Betrieben ohne Hofnachfolger führen, ohne daß die dabei freigesetzten Arbeitskräfte auf den Arbeitsmarkt drängen.
Im nächsten Jahrtausend werden voraussichtlich insbesondere verschärfte Umweltauflagen Betriebe zur Aufgabe zwingen. Einem Strukturanpassungsdruck durch die stark unterschiedlichen Betriebsgrößen in den 'alten' und 'neuen' Bundesländern wird bis zur Jahrtausendwende eine gewisse, jedoch untergeordnete Rolle eingeräumt. Anschließend wird dieser Aspekt aber für bedeutungslos gehalten.

5.2 Entwicklung in der tierischen Produktion

Mehrheitlich erwarten die Experten bei allen Tierarten artgerechte Haltungsformen, den Einsatz von gentechnischen Verfahren in der Tierzucht und eine weitgehende Automation der Produktionsverfahren. Nicht erwartet werden eine Renaissance von Festmistverfahren und der verstärkte Einsatz transgener Tiere. Die Verwendung von Wachstumshormonen wird nicht einmal in den Mastverfahren erwartet, obwohl nach Ansicht mehrerer Fachleute das Verbot von Wachstumshormonen nicht aufrechtzuerhalten sein wird.
Hinsichtlich einzelner Tierarten sind jedoch folgende Anmerkungen zu diesen allgemeinen Erwartungen hinzuzufügen. In der Milchviehhaltung erhalten artgerechte Tierhaltung und der Einsatz der Gentechnik für die Zucht überdurchschnittliche Zustimmung, die Automation dagegen schneidet unterdurchschnittlich ab. Für die Rindermast sind die Erwartungen ähnlich. Artgerechte Tierhaltung erreicht zwar nicht mehr ganz den Erwartungswert der Milchviehhaltung, liegt aber dennoch über dem Durchschnitt.
In der Ferkelproduktion wird ebenfalls stärker mit artgerechter Tierhaltung und gentechnischen Zuchtmethoden gerechnet. Die Automation wird für dieses Verfahren plausiblerweise am wenigsten erwartet. In der Schweinemast wiederum werden weniger Möglichkeiten für die Gentechnik gesehen. Dafür stehen die Chancen für eine vollautomatische, artgerechte Schweinemast im Jahr 2010 nach Meinung der Teilnehmer sehr gut. Überhaupt scheint bei keiner Tierart ein Widerspruch zwischen zunehmender Automatisierung und tiergerechter Haltung zu bestehen. Ebensowenig ist ein Zusammenhang zwischen Festmistverfahren und artgerechter Tierhaltung zu erkennen. Der Einsatz von Wachstumshormonen wird am ehesten in der Schweinemast Eingang finden. Insgesamt gesehen glaubt die Mehrheit jedoch nicht an einen allgemeinen Einsatz im besprochenen Zeitraum.
Für die Geflügelhaltung, sei es Eier- oder Fleischproduktion, wird die Automation der Verfahren stärker als bei allen anderen Tierarten erwartet. Dennoch rechnet man mit artgerechten Haltungsformen, auch wenn die Erwartung diesbezüglich niedriger ausfällt als bei den übrigen Tierarten.
Die Befragten hatten zusätzlich die Möglichkeit, ihre Meinung zu den angesprochenen Fragen zu begründen. Vor allem wer gegen das Mehrheitsvotum der ersten Runde stimmte, machte hiervon Gebrauch. So halten einige Teilnehmer das Verbot von Wachstumshormonen für nicht aufrechterhaltbar. Das Bewußtsein der Verbraucher werde sich ändern und eine Einsicht stattfinden, daß es sich um physiologische, unschädliche Substanzen handelt.
Der artgerechten Tierhaltung werden große Chancen eingeräumt, da es sich um eine vom Verbraucher gewünschte und politisch leicht durchsetzbare Möglichkeit der Produktionsbegrenzung handele. Im Geflügelbereich wird jedoch auch auf die dem Verbraucher nicht zumutbaren Kosten artgerechter Haltungsformen, deren Durchsetzung letztendlich nur eine regionale Produktionsverlagerung bewirken würde, hingewiesen. Bezüglich der Milchviehhaltung ist anzumerken, daß sie von der Expertenrunde schon heute als artgerecht angesehen wird. Dies erklärt die hundertprozentige Annahme ihrer Realisierung bis 2010.
Die Automation soll sich in erster Linie bei den einfacheren Verfahren der Geflügelhaltung und der Mast durchsetzen können, da in der Rinderhaltung die damit verbundenen Kosten zu hoch seien und der Einfluß des Betriebsleiters bei Reproduktionsverfahren, speziell der Ferkelproduktion, nicht unterschätzt werden sollte.
Die durchschnittliche Herdengröße bei Milchvieh wird nach Ansicht der Experten in den Haupterwerbsbetrieben der 'alten' Länder auf rund 60 Kühe anwachsen, während er momentan bei 23 Kühen je milchviehhaltendem Haupterwerbsbetrieb liegt (5, Übersicht 4, S. 12). In den im Haupterwerb betriebenen Milchviehbetrieben soll sich der Einsatz der Futterzuteilung mit Tieridentifizierung und der Einsatz von Elektronik zur Brunsterkennung und Überwachung des Gesundheitszustandes allgemein durchgesetzt haben. Lediglich für den Einsatz von Melkrobotern stellt nach Ansicht der Experten die durchschnittliche Herdengröße von 60 Kühen eine untere Grenze dar.

5.3 Entwicklung in der pflanzlichen Produktion

Die Befragten erwarten allgemein, daß vor allem die Züchtung auf Krankheitsresistenzen im Vordergrund stehen wird. Auch der Einsatz gentechnischer Verfahren soll in die Pflanzenzüchtung Einzug halten und bei allen Kulturen mit zu den wichtigsten züchterischen Maßnahmen zählen. In Tabelle 2 sind als Ergebnisse die arithmetischen Mittelwerte der Antworten für die einzelnen Kulturen dargestellt.
Als durchschnittliche Größe eines Ackerbaubetriebes in den alten Bundesländern im Jahre 2010 werden zwischen 60 und 70 Hektar erwartet. In der betreffenden Frage wurde nicht explizit nach Vollerwerbsbetrieben gefragt, die meisten Teilnehmer kommentierten ihre Angabe jedoch dementsprechend. Aus diesem Grund erscheint die Annahme dieser Betriebsgröße für Vollerwerbsbetriebe gerechtfertigt. Diese Betriebe werden voraussichtlich Bordcomputer einsetzen, alle Ausbringgeräte und Ausbringmengen elektronisch steuern und zum Teil diese Daten an den Betriebsrechner übergeben. Die direkte Erfassung der Nährstoffgehalte im Boden, des Pflanzenzustandes und des Unkrautbesatzes sowie der Ersatz des Schleppers durch Spezialmaschinen sollen sich dagegen nur in Betriebsgrößen über 100 Hektar durchsetzen. Insbesondere in Bezug auf Spezialmaschinen ist jedoch zu beachten, daß auch kleinere Betriebe durch den überbetrieblichen Maschineneinsatz von technischen Neuerungen profitieren werden. Von Robotern gesteuerte Schlepper und eine vollelektronische Bestandsbeobachtung werden bis 2010 nicht in der Praxis erwartet.

Tabelle 2. Ziele und Instrumente der Pflanzenzucht
Ziel bzw. Instrument                                       Fruchtart
---------------------------------------------------------------------------------------------
                                   Getreide    Kartof-    Zucker-     Mais      Öl-  Körner-
                                                  feln      rüben           früchte legumin.
---------------------------------------------------------------------------------------------
Krankheitsresistenz                     3,1        3,4        2,7      2,3      3,1      2,4
Standfestigkeit                         3,0        0,3        0,3      2,1      2,1      2,0
Anpassung an Streßfaktoren              2,0        1,9        1,8      2,0      1,9      1,9
Verbesserung biol. Wirkungsgrad         2,3        2,4        2,7      2,6      2,6      2,6
Veränderung der Inhaltsstoffe           2,0        1,9        2,2      2,1      2,7      2,3
Verarbeitungseignung                    1,9        2,7        2,6      1,5      2,4      2,2
---------------------------------------------------------------------------------------------
Kreuzung und Veredelung                 2,9        2,9        2,6      2,8      3,2      3,0
Hybridzucht                             2,1        1,8        2,4      3,3      2,1      2,0
Zell- und Gewebekulturen                2,0        2,2        2,6      2,4      2,4      1,8
Chromosomenmanipulation                 2,1        2,7        2,4      2,6      2,4      2,3
Gentechnologie                          2,5        2,6        2,5      2,8      2,8      2,6
---------------------------------------------------------------------------------------------
Bewertungsskala:             0 = Keine Bedeutung            1 = Untergeordnete Bedeutung
2 = Mittlere Bedeutung       3 = Große Bedeutung            4 = Ausschlaggebende Bedeutung
---------------------------------------------------------------------------------------------

Für die Kulturen Getreide, Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben soll es zu einer Reduktion des Einsatzes von Pflanzenbehandlungsmitteln und mineralischen Düngemitteln kommen. An ihre Stelle wird der verstärkte Einsatz pflanzenbaulicher und mechanischer Pflanzenschutzmaßnahmen sowie der gezielte Einsatz aufbereiteter und aufgewerteter organischer Dünger erwartet. Die im Teil "Allgemeine Rahmenbedingungen" konstatierte steigende Bedeutung der Umweltpolitik soll auch im Bereich des Pflanzenbaus voll zur Geltung kommen.

5.4 Entwicklung in der Betriebsorganisation

In den einzelnen Betriebsformen ist zukünftig mit weiterer Spezialisierung zu rechnen. Marktfrucht- und Dauerkulturbetriebe sollen in der Folge auch zunehmend im Nebenerwerb bewirtschaftet werden, während für die arbeitsintensiven Betriebsformen mit Viehhaltung keine Zunahme des Nebenerwerbs erwartet wird. Durch Auslagerung von Funktionen, überbetriebliche Arbeitserledigung und den Einsatz von gepachteten bzw. geleasten Produktionsfaktoren könnten sich die Betriebe an zukünftige Rahmenbedingungen anpassen.
Die überbetriebliche Arbeitserledigung soll zukünftig eine noch größere Rolle spielen als bisher. Im Jahr 2010 wird die Ernte von Marktfrüchten, der Pflanzenschutz sowie die Futterernte und Konservierung in der Mehrzahl der Betriebe voraussichtlich über- bzw. außerbetrieblich durchgeführt. Wahrscheinlich wird der Pflanzenschutz aufgrund steigender Umweltauflagen an überbetriebliche Anbieter abgegeben, die durch Spezialisierung in der Lage sein werden, die Erfüllung der Auflagen zu gewährleisten. Bei der Auslagerung der Ernte dagegen wird die mangelnde Auslastung der immer teurer werdenden Erntetechnik auf dem Einzelbetrieb als Ursache angesehen.
In den Marktfruchtbaubetrieben soll es zu einem starken bis sehr starken Anstieg der Unternehmensgröße kommen. Daneben erwarten die Experten, daß die Landwirte versuchen werden, ihr Einkommen durch überbetrieblichen Bezug und Absatz sowie vertikale Vertragsbindung zu sichern. In den Veredelungsbetrieben wird die Entwicklung ähnlich verlaufen, wobei Unternehmenswachstum jedoch nur in geringerem Ausmaße erwartet wird.
Bei den Futterbaubetrieben soll es, mit Ausnahme einer Zunahme der Unternehmensgrößen, kaum zu Veränderungen kommen. Dauerkultur- und Gemischtbetriebe sollen auch nur in geringem Maße wachsen, in diesen Betriebsformen wird eine Steigerung des Einkommens durch verstärkten Direktabsatz an Endkunden erwartet.

5.5 Entwicklung auf den Märkten für landwirtschaftliche Produkte und Vorleistungen

Der Produktion von industriellen Rohstoffen, insbesondere von Stärke sowie Fetten und Ölen, werden durchaus Chancen eingeräumt. Vor einer Quantifizierung des Marktpotentials scheuten sich jedoch die meisten Befragten. Dabei wurde geltend gemacht, daß die Marktentwicklung nicht kontinuierlich erfolge und darüber hinaus in großem Maße von der Agrarpolitik (Höhe der Stützungen), von Zuchtfortschritten sowie der finanziellen Bereitschaft der Bevölkerung, diese Verfahren unter dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes zu akzeptieren, abhänge.
Eine regionale Ausdehnung der Märkte für landwirtschaftliche Produkte wird nicht erwartet, stattdessen sollen neue Produkte aus der Landwirtschaft auf die Märkte gelangen. Als mögliche neue Produkte werden der Anbau von Energiepflanzen zur Verbrennung (Holz, Chinaschilf, Pappeln), Faserpflanzen, Getreide zur Stärkegewinnung, Sonnenblumen und Lein zur Ölgewinnung, Kurzfasern für Bauhilfsstoffe, Rohprodukte für Verpackungsmaterial und Grundstoffe für abbaubare Kunststoffolien angeführt. Daneben rechnen die Teilnehmer auch mit einer Ausweitung der Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Fremdenverkehr, und zwar sowohl in Bezug auf Landschaftserhaltung als auch im Hinblick auf die Bereitstellung von Freizeit- und Erholungskapazitäten.

5.6 Entwicklung von Produktivitätskennzahlen

Die letzte Frage widmete sich der Produktivität im tierischen und pflanzlichen Bereich. Den Teilnehmern waren die Ergebnisse der ersten Runde bekannt. Da bei dieser Frage ausschließlich nach Mengen gefragt wurde, eignet sie sich vorzüglich zur Überprüfung der These, daß sich die Antworten bei einer Delphibefragung von Runde zu Runde angleichen. Tatsächlich hat sich die Spannbreite der beiden mittleren Quartilen - ebenso wie die Standardabweichung - von der ersten zur zweiten Runde hin in allen Fällen verringert, meist sogar auf die Hälfte.
Als Ergebnis ist in Tabelle 3 jeweils der arithmetische Mittelwert sowie die zugehörige Standardabweichung der Antworten angegeben. Die durchschnittliche Milchleistung einer Kuh soll im Jahr 2010 7134 kg betragen, die mögliche Spitzenleistung einzelner Tiere gar 11 915 kg. Mastbullen werden im Schnitt 1340 g am Tag zunehmen, gute Tiere können sogar 1639 g/Tag erreichen. Die durchschnittliche Anzahl der Ferkel, die eine Sau im Jahr wirft, wird bei 22,6 liegen, Spitzensauen sollen es auf 25,7 Ferkel bringen. Ein Mastschwein wird vorraussichtlich 725 g am Tag zunehmen, Spitzentiere werden es auf 868 g bringen. Die Legehenne des Jahres 2010 wird 287 Eier im Jahr legen, Spitzentiere könnten 316 Eier im Jahr erreichen.
In der Getreideproduktion werden die zukünftigen Erträge in Bereichen erwartet, die in guten Betrieben schon heute erzielt werden. So soll Winterweizen im Schnitt 78 dt/ha bringen, Wintergerste 72 dt/ha, Sommergerste 53 dt/ha und Hafer 55 dt/ha. Spitzenerträge werden bei 115 dt/ha für Winterweizen, 102 dt/ha für Wintergerste, 72 dt/ha für Sommergerste und 75 dt/ha für Hafer vorhergesagt.

Tabelle 3. Erwartete Leistungen bzw. Erträge im Jahr 2010
Produktionsrichtung                 Durchschnittsleistung         Spitzenleistung
                                     Heute        2010                2010
-------------------------------------------------------------------------------------
                                             arith.  Standard-   arith.  Standard-
                                             Mittel   abweich.   Mittel   abweich.
-------------------------------------------------------------------------------------
Milchkühe       kg Milch/Kuh & Jahr    4800    7134        676    11915       1559
Mastbullen     g Zunahme/Tier & Tag    1100    1340         89     1639        211
Sauen             Ferkel/Sau & Jahr      20      22,6        1,1     25,7        1,5
Mastschweine   g Zunahme/Tier & Tag     640     725         43      868         72
Legehennen     St. Eier/Tier & Jahr     270     287         12      316         18
-------------------------------------------------------------------------------------
Winterweizen                  dt/ha      65      78          5,9    115         12,6
Wintergerste                  dt/ha      58      72          4,8    102         11,7
Sommergerste                  dt/ha      40      53          4,9     75          7,4
Hafer                         dt/ha      45      55          4,4     75         10,6
Kartoffeln                    dt/ha     350     409         27      573         75
Zuckerrüben                   dt/ha     530     588         33      764         66
Raps                          dt/ha      30      39          3,4     56          5,9
Ackerbohnen                   dt/ha      35      47          4,8     63          7,4
-------------------------------------------------------------------------------------

Auch bei Kartoffeln mit 409 dt/ha und Zuckerrüben mit 588 dt/ha liegen die erwarteten Durchschnittserträge in schon heute erreichbaren Regionen, die vorhergesagten Spitzenerträge betragen bei Kartoffeln 573 dt/ha, bei Zuckerrüben 764 dt/ha.
Nach Ansicht der Fachleute sollen bei Raps durchschnittlich 39 dt/ha geerntet und Spitzenerträge von 56 dt/ha erzielt werden. Bei Ackerbohnen schließlich rechnet man mit einem Durchschnittsertrag von 47 dt/ha und Spitzenerträgen von 63 dt/ha.
Zu diesen Ertragserwartungen werden allerdings einige Einschränkungen vorgebracht. Aufgrund der schon mehrmals konstatierten Politikabhängigkeit der Landwirtschaft wird eingewendet, daß nicht biologisch machbare Erträge, sondern politisch gewünschte Produktionsverfahren den Ausschlag geben werden. Hierunter ist die Mengenregulierung der EG-Agrarreform zu sehen. Überhaupt rechnen einige Experten bei sinkenden Erzeugerpreisen mit einer Reduzierung des Betriebsmitteleinsatzes und in der Folge sinkenden Erträgen, und schließlich sollen auch die steigenden Qualitätsansprüche der Verbraucher hin zu 'naturbelassener' Nahrung ohne mineralische Düngung und Pflanzenschutzmitteln zu sinkender Intensität führen.
Die Erwartungen bezüglich der Schweineproduktion im Jahr 2010 wurden gegenüber der ersten Runde nach unten korrigiert, gerade von Seiten der teilnehmenden Landwirte wurden die Ergebnisse der ersten Runde als unerreichbar kritisiert.

6 Mögliche zukünftige Erscheinungsformen landwirtschaftlicher Betriebe

Zum Abschluß wird die Landwirtschaft im Jahr 2010, so wie sie auf dem Gebiet der alten Bundesländer erwartet wird, dargestellt. Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß zum Zeitpunkt der Befragung bezüglich der EG-Agrarreform noch keine Beschlüße gefaßt worden waren.

6.1 Allgemeines

Auch im Jahr 2010 soll es demnach keine rein marktwirtschaftliche Landwirtschaft geben. Der starke Einfluß von Staat und Politik wird voraussichtlich weiterbestehen. Es wird erwartet, daß sich die Zielsetzung der Politik ändert. Anstelle der eigentlichen Agrarpolitik mit ihren Instrumenten Preis- und Mengenpolitik könnte die Umweltpolitik immer stärkere Bedeutung für die Landwirtschaft erlangen. Infolgedessen muß der Landwirt mit immer massiveren Eingriffen und Kontrollen seiner Wirtschaftsweise rechnen. Verschärfte Umweltstandards sollen den Düngeraufwand begrenzen, bestimmte Ausbringungszeiträume, insbesondere für den organischen Dünger vorschreiben, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Tierarzneimitteln reduzieren und die Grenzwerte für Rückstände in Boden, Wasser, Luft und Nahrungsmitteln weiter herabsetzen, wobei insbesondere für die Wasserschutzvorschriften weiter steigender Einfluß erwartet wird. Auch in der Tierhaltung sollen die Tierschutzvorschriften zumindest bis zum Jahr 2000 eine gewisse Rolle spielen. Stärker getroffen werden viehhaltende Betriebe jedoch voraussichtlich durch nur noch geringe tolerierte Emissionen in der Stallabluft bzw. bei der Gülleausbringung und eine Flächenkoppelung der Viehhaltung.
Auch bei der vorhersehbaren Zielsetzung technischer Entwicklungen ist der überragende Einfluß der Umweltpolitik spürbar. Vor allem der umweltschonenden Produktion und Qualitätsverbesserungen dienende Entwicklungen sind zu erwarten. Ertragssteigerungen und Arbeitserleichterungen sollen dagegen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen.
Selbst die Agrarstruktur wird wahrscheinlich stärker von Umweltauflagen als von einer Handelsliberalisierung beeinflußt werden. Entscheidend für die zukünftige Struktur wird allerdings die Einkommensentwicklung in der Landwirtschaft sein. Dabei soll die Nahrungsmittelproduktion die Hauptaufgabe der Landwirtschaft bleiben. Daneben wird erwartet, daß der Anbau nachwachsender Rohstoffe und Landschaftserhaltung in Form einer honorierten Dienstleistung an Bedeutung deutlich zunehmen. Je nach politischer Weichenstellung, Attraktivität des Raumes für den Tourismus und Teilnahmemöglichkeit an Förderprogrammen ist mit großen regionalen Unterschieden bezüglich der Bedeutung von Landschaftserhaltung oder nachwachsenden Rohstoffen für die Landwirtschaft zu rechnen.
Trotz der Dominanz der Politik für die Landwirtschaft soll auch die Marktentwicklung eine Rolle spielen, hier ist in erster Linie mit einer weiter zunehmenden Konzentration im vor- und nachgelagertem Bereich zu rechnen. Laut Umfrage werden die Qualitätsanforderungen der Verbraucher steigen und neue Produkte sich Marktanteile sichern können.
Vorausgesagt wird eine unterschiedliche Reaktion der einzelnen Betriebsformen der Landwirtschaft auf diese veränderten Rahmenbedingungen. Marktfruchtbaubetriebe werden demnach vor allem mittels weiteren Wachstums und überbetrieblicher Arbeitserledigung, aber auch durch überbetrieblichen Bezug und Absatz, vertikale Vertragsbindung und das Leasen von Produktionsfaktoren den veränderten Bedingungen begegnen. Futterbau und Veredelungsbetriebe sollen ähnlich reagieren, allerdings legen sie weniger Gewicht auf überbetriebliche Arbeitserledigung und betonen stattdessen die Spezialisierung stärker. Dauerkultur- und Gemischtbetriebe werden sich voraussichtlich am wenigsten in ihrem Erscheinungsbild ändern. Vor allem Direktabsatz und vertikale Vertragsbindung können als Reaktion auf die Entwicklungen weiter an Bedeutung gewinnen.
Das Erscheinungsbild landwirtschaftlicher Betriebe unter den geschilderten Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft im Jahr 2010 wird nachfolgend anhand eines Marktfruchtbaubetriebes, eines Futterbaubetriebes sowie eines Veredelungsbetriebes beschrieben.

6.2 Marktfruchtbau

Der durchschnittliche, im Vollererwerb bewirtschaftete Marktfruchtbaubetrieb im Gebiet der 'alten' Bundesländer soll auf eine Größe von etwa 70 ha anwachsen (zum Vergleich: 44,98 ha in 1991)(5, S.27). Regional wird es dabei wahrscheinlich zu beträchtlichen Unterschieden kommen. Neben diesen Vollerwerbsbetrieben soll es zu einer steigenden Zahl von Nebenerwerbsbetrieben kommen. Voraussichtlich wird der Landwirt sein Einkommen weiterhin überwiegend durch die Erzeugung von Nahrungsgütern erzielen. Daneben kann es bei entsprechender politischer Weichenstellung auch zu einer Ausdehnung der Produktion nachwachsender Rohstoffe kommen. Insbesondere durch die Müllentsorgungsproblematik könnten Grundstoffe kompostierbaren Verpackungsmaterials und neuartige Bauhilfsstoffe einen neuen Absatzmarkt für die Landwirtschaft darstellen. Dabei wird sich der Betrieb in seiner Produktion weiter spezialisieren, den Absatz seiner Produkte wird er durch vertikale Vertragsbindung zu sichern suchen. Wo dies nicht gelingt könnte durch überbetrieblichen Bezug und Absatz versucht werden günstige Preise zu erzielen.
Es wird eine extensivere Wirtschaftsweise erwartet. Insbesondere der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldüngern soll sich verringern. Durch den Anbau krankheitsresistenter Sorten und verstärkten mechanischen Pflanzenschutz kann der Landwirt den Intensitätsrückgang kompensieren, so daß die Durchschnittserträge über denen heutiger Betriebe zu liegen kommen werden.
Überbetriebliche Zusammenarbeit und Mechanisierung wird ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbskraft des Betriebes sein. Nur noch die Bodenbearbeitung, Düngung und zum Teil die Aussaat soll in Eigenregie durchgeführt werden. Pflanzenschutzmaßnahmen sollen wegen der vom einzelnen nur schwer zu erfüllenden Umweltvorschriften in den meisten Betrieben an spezialisierte Anbieter abgegeben werden, die Ernte wird der besseren Maschinenauslastung wegen überbetrieblich ausgeführt werden.
Technische Neuerungen soll es vor allem im Bereich der elektronischen Datenerfassung geben, so wird 2010 der Bordcomputer auf jedem Schlepper erwartet. Alle Arbeiten sollen damit sofort erfaßt und später an den Betriebsrechner übergeben werden.

6.3 Futterbau

Der typische Milchviehbetrieb wird nach Ansicht der Befragten etwa 60 Kühe halten (zum Vergleich: 23 Kühe je milchviehhaltendem Haupterwerbsbetrieb in 1991) (5, S. 12). Die durchschnittliche Milchleistung soll gute 7000 kg je Kuh und Jahr erreichen. Erwartet wird diese Leistung nicht zuletzt durch den allgemeinen Einsatz gentechnischer Maßnahmen in der Zucht. Die gesamte Fütterung soll tierindividuell optimiert werden, der Fütterungscomputer wird voraussichtlich in der Lage sein, Grund- und Kraftfutter tierspezifisch zuzuteilen. Auch der Einsatz geschützter Futtermittel in der Fütterung wird als durchaus üblich erwartet. Gemolken werden die Tiere vom bis dahin technisch realisierten Melkroboter, der frühestens ab 60 Kühen wirtschaftlich einsetzbar sein soll. Auch Brunstkontrolle und die Überwachung des Gesundheitszustandes auf elektronischem Wege werden erwartet, so daß eine weitgehende Automation des Verfahrens Michviehhaltung realisiert werden kann. Nichtsdestotrotz soll, ganz im Gegenteil zu der Situation bei den Ackerbaubetrieben, der Anteil der im Nebenerwerb geführten Betriebe keine Steigerung erfahren.
Umweltschutz und artgerechte Formen der Tierhaltung werden weiterhin starke Beachtung erfahren. Die Futterbaubetriebe müssen in erster Linie mit flächenabhängigen Tierbestandsgrenzen und restriktiven Regelungen bezüglich der Lagerung und Ausbringung von Gülle rechnen. Neben dem Wasserschutz und der damit verbundenen Stickstoffproblematik wird auch der Geruchsbelästigung bei der Ausbringung großes Gewicht beigemessen. Verfahren zur Aufbereitung der Gülle sollen daher Eingang in die Praxis finden.
Die Aufstallung von Kühen im Liegeboxenlaufstall wird schon heute als weitgehend artgerecht angesehen, folglich wird, trotz der zunehmenden Automation, diese Form der Aufstallung weitgehend beibehalten werden können. Festmistverfahren werden auch 2010 die Ausnahme bleiben.

6.4 Veredelung

Aus dem Problemkreis Umwelt und artgerechte Tierhaltung sollen sich für Betriebe der Schweine- und Geflügelhaltung sehr viel weitreichendere Konsequenzen ergeben als für Futterbaubetriebe. Hier kann es zu Verboten bestimmter Aufstallungsformen kommen. Es wird erwartet, daß die steigende Sensibilität der Verbraucher bzw. der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung gegenüber Emissionen aus Stallabluft und organischer Düngung diese Betriebe zusätzlich belasten und Neubauvorhaben erschweren wird. Die Veredelungsbetriebe müssen mit einer Flächenbindung der Viehhaltung rechnen. Flächenunabhängige Veredelung wird voraussichtlich nicht mehr möglich sein. Ein weiteres Wachstum der Bestandesgrößen wird nur in geringerem Ausmaße als bei anderen Produktionsrichtungen der Landwirtschaft erwartet.
Um als Veredelungsbetrieb zu überleben, wird eine weitere Spezialisierung unumgänglich sein. Dies wird insbesondere auf dem Wege einer weitgehenden Automation der Mastverfahren erwartet. Überdies werden die Veredeler voraussichtlich versuchen, größere Teile ihrer Produktion durch vertragliche Bindung mit der aufnehmenden Hand gegenüber den Marktrisiken abzusichern. Der Anteil der Nebenerwerbslandwirte wird nach Ansicht der Befragten in der Veredelung rückläufig sein.

Zusammenfassung

Zur Prognose des Erscheinungsbildes landwirtschaftlicher Betriebe im Jahr 2010 wurde eine Reihe von Experten befragt. Die dabei verwendete Delphi-Technik soll in einem schriftlichen Diskussionsprozeß untereinander anonymer Teilnehmer zu einem unverzerrten Gruppenurteil führen.
Nach Ansicht der befragten Experten wird die Produktion von Nahrungsmitteln auch bis zum Jahr 2010 die Hauptaufgabe der Landwirtschaft bleiben. In ihren Gestaltungsmöglichkeiten müssen die Landwirte allerdings mit zum Teil empfindlichen Einschränkungen durch die zukünftig immer restriktiver ausgestaltete Umweltpolitik rechnen. Je nach politischer Weichenstellung und regionalen Voraussetzungen werden neue Einnahmenquellen für die Landwirtschaft durch die Produktion nachwachsender Rohstoffe oder die Landschaftspflege erwartet. Mit einer weitgehenden Handelsliberalisierung und freien Märkten für landwirtschaftliche Produkte wird nur vereinzelt gerechnet.
Das Betriebsgrößenwachstum soll anhalten, jedoch nicht zu Größenordnungen, wie sie in den neuen Bundesländern zu finden sind, führen. Allgemein wird mit einer weniger extensiven Wirtschaftsweise gerechnet. Durch züchterischen Fortschritt, insbesondere erzielt durch den erwarteten Durchbruch der Gentechnik, und besseres Betriebsmanagement infolge einer umfassenden Kontrolle aller betrieblichen Vorgänge mittels EDV sollen die Landwirte allerdings in der Lage sein, den Intensitätsrückgang zumindest zu kompensieren.

Summary

Future forms of farms - a forecast made using the Delphi technique
In order to arrive at a forecast of what farms will look like in 2010 questions were put to a series of experts. It is hoped that using the Delphi technique a correspondence discussion conducted between mutually anonymous participants will produce an undistorted common view.
In the opinion of the respondents food production will remain the farmer's main task until the year 2010, too. The scope of initiative available to farmers will in some cases, however, be severely curtailed as environmental policy becomes increasingly restrictive. It is expected that, depending on political policy and regional conditions, new sources of income for farmers will arise in the field of renewable resources production or landscape management. Broad liberalisation of trade or free markets for farm produce can only be expected in individual cases.
Farms are expected to continue their growth in size, but will still not compare in this respect with those in eastern Germany. In general, farming is expected to lose some of its intensity. Advances in breeding techniques, accelerated especially by the imminent breakthrough in genetic engineering and improvements in farm management due to more comprehensive EDP-based control of events on the farm, should give farmers the chance to at least offset the decline in intensity.

Résumé

Aspects futurs des exploitations agricoles - Un pronostic présenté avec l'aide de la technique "Delphi"

Pour établir le pronostic de l'aspect des exploitations agricoles en 2010, on s'est adressé à de nombreux experts. La technique "Delphi" employée en l'occurence dans un processus de discussion écrit entre les participants anonymes a pour objectif de parvenir à un jugement collectif non déformé. Selon l'opinion des experts interrogés, la production de denrées alimentaires restera jusqu'en 2010 la tâche principale de l'agriculture. Toutefois, les agriculteurs devront, en examinant leurs possibilités d'organisation compter en partie, avec de sensibles restrictions dues à la future politique en matière d'environnement, une politique de plus en plus restrictive. Selon l'orientation politique et les conditions régionales, on s'attend à ce que les agriculteurs disposent de nouvelles sources de revenues, des sources découlant de la production de matières premières régénérées ou de la préservation des sites ruraux. Une libération sur une grande échelle du commerce et les marchés libres pour les produits agricoles ne sont prévus que dans quelques cas isolés.
La croissance de l'importance des entreprises doit se perpétuer, toutefois pas dans des ordres de grandeur tels que l'on peut les constater dans les nouveaux Laender. En général, on compte sur une méthode économique moins intensive. Un progrès dans la sélection, réalisé surtout par la percée de la technique des gènes et un management meilleur de l'entreprise par suite d'un large contrôle de tous les processus se déroulant dans l'entreprise, un contrôle réalisé à l'aide du traîtement électronique des donnés, devrait permettre aux agriculteurs de compenser tout du moins la diminution de l'intensité.

Literatur


Klaus Hank 09/95