1 EINLEITUNG

1.1 Problemstellung

Ein kontinuierlicher Prozeß von Entscheidungsfindung kennzeichnet unser Leben. Diese Aussage trifft nicht nur für den privaten, sondern ebenfalls für den geschäftlichen Bereich zu, in dem die wirtschaftlichen Zusammenhänge immer vielschichtiger, differenzierter und auch unübersichtlicher werden. Die richtige Entscheidung avanciert zum zentralen Problem des Wirtschaftens. Erschwerend kommt hinzu, daß Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Oft sind die aus getroffenen Entscheidungen resultierenden Ergebnisse suboptimal, schon die Informationen, auf die Entscheidungen gestützt werden, können unsicher, wichtige Fakten und Ursachen übersehen oder Zusammenhänge nicht erkannt worden sein. Aus diesen Tatbeständen ergibt sich, daß "Entscheidungen - immer gemessen an ihren Ergebnissen - um so 'besser' sein dürften, je vollkommener die Informationen sind, die in der begrenzt verfügbaren Zeit für eine Entscheidungsfindung beschafft werden können" (KUHLMANN, 1990a, S.41).

Bemerkenswert an dem Prozeß der Entscheidungsfindung ist, daß - trotz gleicher Ausgangsbedingungen und Zielvorgaben - oft unterschiedlich 'gute' Ergebnisse erzielt werden. Ganz offensichtlich ist die Ursache dieses Phänomens ceteris paribus in den Entscheidungen treffenden Individuen zu suchen. Diese Individuen weisen in vielen Fällen eine unterschiedliche Kompetenz in Hinblick auf die Fähigkeit zur Informationsgewinnung und -verarbeitung auf. Die Ausprägungen dieses Merkmals werden um so deutlicher, je weniger Individuen in einen Entscheidungsprozeß einbezogen sind. Dieser Umstand kommt in Wirtschaftsbereichen, deren Wirtschaftssubjekte überwiegend Einzelunternehmer sind, besonders zum Tragen; namentlich die Landwirtschaft sei angesprochen.

Aus der Unterschiedlichkeit der Wirtschaftssubjekte heraus resultiert, daß jeder am Wirtschaftsgeschehen Beteiligte mehr oder weniger bewußt versucht, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, sie sich zunutze zu machen. Dies geschieht durch Vergleichen, denn "jedes vernunftgemäße Wirtschaften ist ein dauerndes 'Vergleichen', 'Wägen' und 'Werten'" (SCHNETTLER, 1961, S.1).

Sachverhalte, die verglichen, abgewogen und bewertet werden sollen, müssen faßbar sein. Die Geschichte sowohl der landwirtschaftlichen als auch der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre zeigt, daß um die Jahrhundertwende begonnen wurde, sich mit der Bildung von Kennzahlen zur Betriebsanalyse zu befassen, mit dem Ziel, ökonomische Tatbestände zu beschreiben und einen Beitrag zur Entscheidungsfindung für den "decision maker", also den Landwirt, zu liefern. Als Vergleichsinstrument wurden die verschiedenen Verfahren des Betriebsvergleiches eingeführt.

Betriebsvergleiche werden jedoch nur in den seltensten Fällen von den Wirtschaftssubjekten selber durchgeführt, meistens ist es Experten überlassen, diese Instrumente zu nutzen und deren Ergebnisse zu präsentieren. Aufgrund mangelnder Verfügbarkeit solcher Experten und den hohen Kosten ihres Einsatzes liegt es nahe, Möglichkeiten zu suchen, das Wissen dieser Fachleute leichter, besser und an verschiedenen Orten gleichzeitig nutzbar zu machen.

Alle Bestrebungen der Menschen auf nicht-mündlichem, direktem Wege Informationen auszutauschen, dienen letztlich diesem Zweck. Durch die Weitergabe von Bildern und Schriften, die Entwicklung und Anwendung von Zahlensystemen bis hin zum elektronischen Speichern und Abrufen von Informationen wurden immer leistungsfähigere Systeme geschaffen, die letztlich zum Ziel hatten, Wissen anderer verfügbar machen zu können.

Eines der jüngsten Glieder dieser Evolutionskette ist die Möglichkeit zur Nutzung vorhandenen Wissens, welches in Form von Computerprogrammen abgelegt ist. Solche Programme werden als wissensbasierte Systeme oder Expertensysteme bezeichnet.

Trotzdem waren die meisten der Arbeiten, die bis heute auf dem Gebiet des Betriebsvergleichs geleistet wurden, eher theoretischer Natur und auf abstraktem Niveau, obgleich SCHMALENBACH schon 1934 bemerkte, "daß die Fragen des Betriebsvergleichs durch vorwiegend deduktive Forschung nichts Wesentliches mehr zu gewinnen vermögen und daß wir uns nur von praktischen Arbeiten auf diesem Gebiet einen wirklich erheblichen Fortschritt versprechen können" (SCHMALENBACH, 1934, S.261).

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, daß die Betriebsanalyse und der Betriebsvergleich klassischen Zuschnitts den Modellen der aktuellen betriebswirtschaftlichen Theorie und insbesondere dem Stand der elektronischen Informationsverarbeitung nicht mehr angemessen erscheint. Dies zu ändern ist das Ziel der vorliegenden Arbeit.

1.2 Zielsetzung

Konkreter ausformuliert beinhaltet dieses Ziel zweierlei:

1. Die Ableitung eines theoretischen Konstrukts zur ökonomischen Analyse landwirtschaftlicher Betriebe. Hier steht die Diskussion über die Konstruktion geeigneter Kennzahlen und deren Zerlegung und Verknüpfung zur Diagnose und Therapie gefundener Tatbestände im Vordergrund.

2. Die Umsetzung des Konstrukts in eine Computeranwendung zur ökonomischen Analyse landwirtschaftlicher Betriebe. Dabei geht es in erster Linie um die Auseinandersetzung mit der Theorie und Anwendung von Expertensystemen. Als Ergebnis soll ein operationales System stehen, das in der Lage ist, eine vorgefundene betriebliche Situation darzulegen, zu analysieren, bewerten und zumindest ansatzweise Empfehlungen zu geben, wie eine Verbesserung der analysierten Schwachstellen zu erreichen sein könnte.

Die Realisation des zweiten Punktes ist besonders problematisch, was auch während der Entwicklung des Computermodells mit dem Namen FARMEXPERT immer wieder deutlich wurde. Aus der Distanz des konkreten Modells zum Idealmodell leitet sich ein weiteres Ziel dieser Arbeit ab:

3. Die Formulierung zusätzlichen Forschungsbedarfs, um zukünftig verbesserte Anwendungen entwickeln zu können.

Aus der Überzeugung, daß in Software niedergelegtes Wissen in Präzision und Prägnanz dem geschriebenen Wissen nicht nachsteht, in seiner Funktionalität sogar weit über dieses hinausgeht, hat diese Arbeit auch zum Ziel, in Richtung auf das Erschaffen von Reputationsanreizen zu wirken, die die Entwicklung von Software als einen wissenschaftlich anerkannten Beitrag begünstigen.

1.3 Aufbau der Arbeit und Vorgehensweise

Um die abgesteckten Ziele zu erreichen, wird zuerst ein Überblick über das Möglichkeitsfeld und die Entwicklung von - insbesondere regelbasierten - Expertensystemen gegeben. Dabei wird die gezielte, auf das entwickelte Expertensystem bezogene Betrachtungsweise vorgezogen. Dies bedeutet, daß keine umfassende Darstellung aller Expertensysteme betreffenden Aspekte erfolgt (dazu sei auf die jeweils zitierte Literatur verwiesen), sondern lediglich solche Gesichtspunkte vertieft werden, die später als theoretische Grundlage für das konkrete, realisierte Computermodell relevant sind. In diesem Kapitel wird auch der Versuch unternommen, die in der Literatur oft zu kurz kommende Verbindung zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der Wissensakquisition und der Konstruktion von Expertensystemen herzustellen.

Daran knüpft die Beschreibung einiger Expertensysteme an, die für den Bereich der Agrarwissenschaften entwickelt wurden.

In Kapitel 4 wird die Diskussion der inhaltlichen und methodischen Aspekte der Betriebsanalyse mittels Kennzahlen als Beitrag zur Unternehmensführung eröffnet. Dieses Kapitel bildet gewissermaßen das methodische Rückgrat des in Kapitel 5.2 vorgestellten Expertensystems "FARMEXPERT".

Das Computermodell, bei dessen Entwicklung darauf geachtet wurde, soweit wie möglich der allgemeinen betriebswirtschaftlichen Nomenklatur zu folgen, wird anhand der Analyse eines landwirtschaftlichen Betriebes erklärt. Dabei wird nicht nur gezeigt, wie die Ergebnisse der Analyse aussehen, sondern es wird jeweils nachvollziehbar hergeleitet und detailliert dargelegt, wie diese Ergebnisse zustande kamen und welche unterschiedlichen Ansätze verwendet wurden, um die Umsetzung bestimmter Vorgaben, etwa die in Kapitel 5.2.2.1 beschriebene Verbalisierung numerischer Ausprägungen, zu erreichen. Vor diesem Hintergrund ist auch der Ansatz der Modellentwicklung zu sehen: Zur Erreichung bestimmter Ziele ist nicht immer das gleiche Vorgehen gewählt worden, vielmehr werden verschiedene Möglichkeiten gezeigt und umgesetzt, um der Diskussion der Vorzüglichkeit des einen oder anderen Ansatzes nicht aus dem Wege zu gehen.


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