4 ZUR ÖKONOMISCHEN ANALYSE LANDWIRTSCHAFTLICHER UNTERNEHMEN

Für die ökonomische Analyse landwirtschaftlicher Unternehmen gilt, wie für die ökonomische Analyse aller anderen Unternehmen auch, daß kein allgemeingültiger Algorithmus zur Beurteilung der Unternehmenssituation existiert. KREHL arbeitet allein 25 verschiedene Techniken der Unternehmensanalyse heraus (KREHL, 1985, S.21 ff.). Daneben belegen überaus zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Problemkreis die Versuche, wenn nicht den sogenannten "Stein der Weisen" zu finden, so doch zumindest ihm sich zu nähern. RÖSLER verweist auf über 100 wissenschaftliche Abhandlungen allein über empirische Bilanzauswertungen seit dem Jahre 1975 (RÖSLER, 1986, S.3, S.31 ff.). Weitere umfassende Bibliographien finden sich bei HAUSCHILDT (1988), LEFFSON (1977), GRÄFER (1988) oder COENENBERG (1988) mit einem der umfangreichsten Literaturnachweise. Diese Autoren bieten gleichzeitig eine umfassende Einführung in die Techniken der Jahresabschlußanalyse. Speziell für den landwirtschaftlichen Bereich vermittelt ein Heft aus der Schriftenreihe des Hauptverbandes der landwirtschaftlichen Buchstellen und Sachverständigen e.V. einen Einblick in die Abschlußanalyse (HLBS, 1990b). Über den Jahresabschluß in der Landwirtschaft mit seinen Besonderheiten gegenüber den Abschlüssen anderer Wirtschaftsbereichen informiert ebenfalls ein Heft aus dieser Reihe (HLBS, 1990a).

Grundsätzlich sind verbale von rechnerischen Verfahren zu unterscheiden. Erstere, die in der Literatur kaum Beachtung finden, dienen auch eher dazu, qualitative Merkmale zu beschreiben, wie etwa die Beurteilung des "human capital". Die Aussagen verbaler Verfahren beziehen sich oft auf Merkmale, die nicht ohne weiteres dokumentierbar sind. Darauf beruhende Aussagen können zwar im Einzelfall als Ergänzung der Aussagen rechnerischer Verfahren dienen, verschließen sich aber von ihrer Natur her einer Systematisierung und sollen daher auch nicht Gegenstand weiterer Betrachtung sein.

Rechnerische Verfahren bedienen sich der Jahresabschlußanalyse. Der Begriff "Jahresabschlußanalyse"(7) bezeichnet Verfahren, "mit denen aus Angaben des Jahresabschlusses und des Geschäftsberichtes Informationen über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage eines Unternehmens gewonnen werden" (RÖSLER, 1986, S.3).

Die Jahresabschlußanalyse, unabhängig davon, ob es sich um die "klassische Bilanzanalyse" oder um "mathematisch-statistisch gestützte Verfahren" handelt (zu Abgrenzung und Definition vgl. etwa HAUSCHILDT, 1988, S.663 ff. oder RÖSLER, 1986, S.28 ff.), bedient sich Kennzahlen oder ganzer Kennzahlensysteme, um die Analyse durchzuführen und die Ergebnisse darzustellen.

Bevor im nächsten Kapitel auf Kennzahlen und Kennzahlensysteme eingegangen wird, erscheint es schon an dieser Stelle geboten, die Grenzen und Schwierigkeiten der Bilanzanalyse zu diskutieren. Nur wenn man die Grenzen, Probleme und möglichen Fehlurteile im Auge behält, kann man die, durch das im folgenden vorzustellende Instrumentarium gewonnenen Erkenntnisse richtig werten und einschätzen. In Anlehnung an GRÄFER (1988, S.50 ff.) und COENENBERG (1988, S.554 ff.) seien die allgemeinen Gründe für die Unzulänglichkeiten kurz beschrieben. Die speziellen Gründe für die zu beachtenden Schwierigkeiten bei der ökonomischen Analyse landwirtschaftlicher Unternehmen werden weiter unten Erörterung finden.

Die aus dem Jahresabschluß zur Verfügung stehenden Informationen sind unvollständig. Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung liefern nur quantitative Informationen. Wesentliche qualitative Aspekte, die für eine Unternehmensbeurteilung nützlich wären, sind darin nicht enthalten. Im landwirtschaftlichen Bereich sind hier insbesondere die Qualität des Managements und der Mitarbeiter anzusprechen. Weiterhin fehlen genaue Kenntnisse über beispielsweise vorhandene Kreditreserven und andere benötigte Daten über das Preis- und Mengengerüst des Betriebes. Insbesondere die letzten Mängel treffen jedoch nur auf den Jahresabschluß im engeren Sinne zu. In den Buchführungsergebnissen sind solche Daten beispielsweise ausgewiesen.

Die Zahlen des Jahresabschlusses sind keine eindeutig definierte Größen. Bilanzierungs- und Bewertungsvorschriften und Wahlrechte erzwingen oder ermöglichen den Einsatz der Vermögenswerte und Verbindlichkeiten oft zu falschen und unrealistischen Werten. Man denke nur an die Möglichkeiten zur Bildung stiller Reserven infolge der Aktivierung auf der Basis der Anschaffungs- oder Herstellungskosten, den Verzicht auf Zuschreibungen bei inzwischen wieder gestiegenen Werten des nicht abnutzbaren Anlage- oder Umlaufvermögens, den Verzicht auf die Berechnung der "angemessenen" Teile der Verwaltungsmaterial- und Fertigungsgemeinkosten bei der Aktivierung von Eigenleistungen und Fertigerzeugnissen und die Bewertung des Bodens, wofür seit dem 1.7.1970 neue steuerliche Bewertungsansätze gelten (vgl. HLBS, 1987, S.49 ff. oder KÖHNE und WESCHE, 1990, S.206 ff.).

Jahresabschlüsse sind vergangenheitsorientiert. Ihre Informationen beziehen sich auf einen abgeschlossenen, vergangenen Zeitraum, der ein Jahr umfaßt. Für die Landwirtschaft ist das in aller Regel das landwirtschaftliche Wirtschaftsjahr vom 1.7. bis zum 30.6. des Folgejahres. Zur Analyse und Beurteilung eines Unternehmens interessieren jedoch vorzugsweise solche Informationen, die Schlüsse auf die Zukunft zulassen. Aussagen über die künftige Entwicklung des Unternehmens sind nur unter der Annahme möglich, daß eine in der Vergangenheit sichtbare Tendenz in Zukunft extrapoliert werden kann.

Die Informationen des Jahresabschlusses sind i.d.R. erst eine geraume Zeit nach dem Bilanz-Stichtag verfügbar und damit zum Analysezeitpunkt oft schon überholt. Gleiches gilt auch für die vom Hessischen Landesamt für Ernährung, Landwirtschaft und Landentwicklung veröffentlichten Buchführungsergebnisse (vgl. HESS. LANDESAMT ..., 1990), die erst etwa ein halbes Jahr nach dem Ende des Wirtschaftsjahres veröffentlicht werden.

Im folgenden soll auf einige Ansätze zur Milderung dieser eben genannten Unzulänglichkeiten eingegangen werden.

Einmal ist hier die Einbeziehung zusätzlicher Daten zu nennen. Viele der benötigten zusätzlichen Daten sind in den Buchführungsergebnissen (HESS. LANDESAMT ..., 1990) dokumentiert. Vorausgesetzt, daß diese Daten auch bei dem zu analysierenden Betrieb vorliegen, muß dem Mangel an Vollständigkeit des Jahresabschlusses keine besondere Bedeutung mehr zugemessen werden. Die fehlende Aktualität des Jahresabschlusses wiegt dann nicht schwer, wenn in Verbindung der Analyse vergangener Jahresabschlüsse, wie an verschiedenen Stellen bereits erwähnt, SOLL-IST-Vergleiche durchgeführt werden. Hierbei stellen die SOLL-Werte gleichsam einen projizierten Jahresabschluß dar, an dem die laufend anfallenden IST-Werte gemessen werden können.

Trotz der angeführten Bedenken und Schwierigkeiten kann jedoch bei der Unternehmensbeurteilung auf die Bilanzanalyse nicht verzichtet werden. Sie stellt eine wichtige Komponente der Einschätzung eines Unternehmens, eines landwirtschaftlichen Betriebes dar. "Die Bedenken dürfen auch nicht dazu führen, daß man dem Jahresabschluß jeglichen Aussagewert abspricht und ihn daher völlig durch andere Instrumente ersetzt wissen will" (GRÄFER, 1988, S.52).

4.1 Kennzahlen und Kennzahlensysteme

4.1.1 Kennzahlen

Kennzahlen haben die Aufgabe, auf die Fragestellung(en) einer Untersuchung bezogen, signifikante Informationen zu geben (vgl. LACHNIT, 1979, S.17).

4.1.1.1 Der Kennzahlenbegriff

Auf dem Gebiet der Kennzahlen ist bisher keine einheitliche Terminologie manifestiert, wenngleich die erste Beschreibung eines Sachverhalts, der heute treffend mit den Begriff "Kennzahl" umrissen werden könnte, bereits um die Jahrhundertwende datiert (vgl. STAEHLE, 1969, S.44). Eine Begründung dafür liefert der gleiche Autor, der zu zwei grundsätzlichen Ergebnissen gelangt:

1) "Es bestehen nur wenige Monographien über betriebswirtschaftliche Kennzahlen. Daraus kann man folgern, daß die überwiegende Mehrzahl der Betriebswirtschaftler Kennzahlen als wenig erfolgversprechendes Forschungsobjekt ansehen, um hierüber eine längere, selbständige Abhandlung zu verfassen.

2) Betriebswirtschaftliche Kennzahlen befinden sich in einer Vielzahl von betriebswirtschaftlicher Spezialliteratur; hier jedoch meist sehr unsystematisch und ohne logisch zwingenden Bezug zu dem Spezialgebiet, das behandelt werden soll." (STAEHLE, 1969, S.46 ff.)

Der Begriff der Kennzahl hat darüber hinaus, wie bereits erwähnt, verschiedene Gesichter. So sieht NOWAK in einer sehr allgemeinen Begriffsfassung, Kennzahlen als sämtliche Zahlen, die einen bestimmten Erkenntniswert beinhalten (NOWAK, 1966, S.703). Vernünftiges Handeln unterstellt, hat jede erfaßte Zahl einen "bestimmten Erkenntniswert", somit ist nach NOWAK jede dieser Zahlen eine Kennzahl. Diese breite Definition erweist sich weniger hilfreich als engere Auffassungen, wie sie etwa vertreten werden von MELLEROWICZ, der unter Kennzahlen ausschließlich Verhältniszahlen versteht (vgl. MELLEROWICZ, 1959, S.120 ff.) oder WISSENBACH, der noch weiter geht und Verhältniszahlen nur dann als Kennzahlen betrachtet, wenn sie "fragebezogene Relativzahlen von besonderer Aussagekraft" (WISSENBACH, 1967, S.33) sind. Dahinter steht gleichsam die "Philosophie" von Kennzahlen: Sie sollen Lieferanten von Information sein. Daher erscheint es sinnvoll, der erweiterten Kennzahlendefinition von LEFFSON zu folgen, der das Postulat aufstellt, "daß eine absolute Zahl nur durch Bezug auf eine andere Zahl zu einer ökonomischen Aussage führt, und daß der durch diesen Bezug gewonnene Quotient erst im Vergleich mit einer anderen Kennzahl informativ wird" (LEFFSON, 1977, S.176).

Diese engere Definition führt unmittelbar zu der Frage nach der sinnvollen Konstruktion von Kennzahlen, da ihre Aussagekraft zwingend von der Auswahl des Zählers und des Nenners als Bezugsgröße abhängt.

Unter Kennzahlen sollen also nur Verhältniszahlen verstanden werden, da absolute Zahlen ohne eine Vergleichsgröße aussagelos sind. Verhältniszahlen können als

konzipiert sein (vgl. IHDE, 1988, S.579). Diese Einteilung geht nach HAUSCHILDT (1971, S.340) auf den Statistiker WINKLER(8) zurück.

Bei Gliederungs- und Beziehungszahlen werden Zahlenwerte mit identischem Zeitbezug miteinander verknüpft. Im ersten Fall beziehen sich die Zahlen auf gleichartige, aber ungleichrangige Sachverhalte (z.B. Anteil Getreidefläche an gesamter LF), im zweiten auf gleichrangige aber ungleichartige Sachverhalte (z.B. Aufwand pro ha LF). Der Begriff der Gliederungszahl für sich erscheint, obwohl allgemein anerkannt, etwas unglücklich, da auch hier Sachverhalte, nämlich eine Teilgröße zu ihrer übergeordneten Gesamtgröße, in "Beziehung" zueinander gesetzt werden. Das oben ausgeführte Differenzierungskriterium bleibt davon allerdings unberührt.

Indexzahlen indessen werden durch die Relativierung gleicher Sachverhalte bzw. gleicher Zahlen mit unterschiedlichem Zeitbezug gebildet (z.B. der Preisindex für Lebenshaltung). Gegenüber der Bildung von Index- und Gliederungszahlen ist diejenige von Beziehungszahlen, die im Rahmen dieser Arbeit im Vordergrund stehen, vergleichsweise anspruchsvoll. Dies soll im nächsten Kapitel näher begründet werden.

4.1.1.2 Konstruktion von Kennzahlen

Nach LEFFSON (1977, S.179) ist der Analytiker in der Wahl der Bezugsgrößen für die Kennzahlenbildung frei. Die hier innewohnende Gefahr liegt in der "Kreation" nichtssagender und somit überflüssiger Kennzahlen. Wird beispielsweise die Kennzahl

                                          Kassenbestand (DM)
      Kassenbestandsgewinnrate (%) = --------------------------------- * 100
                                             Gewinn (DM)

betrachtet, so kann daraus zwar eine wirtschaftliche, aber kaum eine sinnvolle Aussage abgeleitet werden. Daher sollten Kennzahlen mindestens dem Anspruch genügen, unter irgendeinem relevanten Aspekt zeigen zu können, welche Bedeutung die dargestellte Größe - evtl. im Zusammenhang mit anderen Kennzahlen - für die Entwicklung des Unternehmens hat.

Für Beziehungszahlen wird in der Literatur oft eine (vermutete) funktionale Beziehung zwischen dem Zähler als darzustellende Zahl bzw. Beobachtungsgröße und dem Nenner als Bezugszahl bzw. Bezugsgröße gefordert (vgl. etwa WISSENBACH, 1967, S.38 oder LEITNER, 1922, S.204). Obwohl diese Frage aus Gründen, die für die hier vorliegende Arbeit von untergeordneter Bedeutung sind, noch nicht ausdiskutiert erscheint (zur Diskussion dazu vgl. HAUSCHILDT, 1971, S.340 ff.), wird im weiteren an dieser Forderung festgehalten, da eine der bedeutensten Ursachen für Fehler bei der Konstruktion von Kennzahlen die suboptimale "Auswahl der Zähler- bzw. Nennergrößen in Bezug auf die Fragestellung" ist (MÄRZ, 1983, S.80).

An dieser Stelle bietet sich eine kritische Reflexion der auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Unternehmens- bzw. Betriebsanalyse gebräuchlichsten Kennzahlen an. Einen Überblick über häufig verwendete und somit "eingebürgerte" Kennzahlen erhält man einfach durch die Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe(9). Einem großen Teil der dort jeweils ausgewiesenen Kennzahlen ist zu eigen, daß sie die oben abgeleitete Forderung nach einer funktionalen Beziehung nicht erfüllen. Dementsprechend fragwürdig ist die Aussagekraft dieser Zahlen, insbesondere wenn monetäre Größen in Beziehung zu naturalen Größen gesetzt werden.

Die am häufigsten benutzte Bezugsgröße im Nenner der gebräuchlichsten Kennzahlen ist ein Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche (ha LF). Dazu werden - insbesondere zur ökonomischen Analyse - alle möglichen Werte des Jahresabschlusses in Beziehung gesetzt(10).

Dieses Vorgehen mag sich durchaus begründen lassen, zum Beispiel damit, daß Boden geschichtlich als knapper Faktor anzusehen ist und von daher die Verwertung dieses Faktors mit Hilfe der oben zitierten Kennzahlenkonstruktionen einer Beurteilung eher zugänglich ist. Dies sind allerdings eher Fragestellungen, die im Bereich der Makroökonomik anzusiedeln sind. Eine Übertragung solcher Kennzahlen auf mikroökonomische Fragestellungen - wie etwa den Betriebsvergleich - ist zumindest fragwürdig.

Die Leistungsfähigkeit eines landwirtschaftlichen Betriebes ist nicht vordergründig von der Größe des Betriebes abhängig, zumindest dann nicht, wenn die Betriebsgröße in Hektar LF gemessen wird. Ein Veredlungsbetrieb mit geringer Flächenausstattung kann u.U. erheblich leistungsfähiger sein als beispielsweise ein mit reichlich Fläche ausgestatteter Futterbaubetrieb. Mit anderen Worten, die Leistungsfähigkeit in der laufenden Produktion, die hier vordergründig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten und somit unter Effizienzkriterien (wofür hier der Begriff der "Prozeßeffizienz" eingeführt wird) verstanden werden soll, darf nicht direkt auf eine der drei klassischen Produktionsfaktoren bezogen werden. Zur Beurteilung der Prozeßeffizienz gilt es vielmehr, die verschiedenen, für die laufende Produktion geleisteten Aufwendungen, in Relation zu den damit erwirtschafteten Ergebnissen zu sehen. Eine Beziehung der Erfolgsgrößen zu den originären Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital ist nur dann sinnvoll, wenn die Verwertung eben dieser Faktoren (wofür weiterhin der Begriff der "Struktureffizienz(11)" Verwendung findet) einer Analyse unterzogen werden soll. Aber auch dann ist Boden als Produktionsfaktor nicht die vordergründig zu untersuchende Größe, sondern der knappste Faktor, der durch das eingesetzte Kapital repräsentiert wird. Sowohl Arbeit als auch Boden ist entweder durch den vermehrten Einsatz von Kapital zu substituieren oder auszudehnen, also nicht wirklich knapp. Lediglich Kapital selbst kann nicht unbeschränkt ausgedehnt werden: Die Beleihungsgrenzen der Banken zeigen dies deutlich. Darüber hinaus scheint die Diskussion über die vordergründige Verwertung anderer Produktionsfaktoren als Kapital, eher ein Phänomen der landwirtschaftlichen Betriebslehre zu sein, das in anderen, sich ebenfalls mit ökonomischen Fragestellungen beschäftigenden Wissenschaftsdisziplinen, nicht in diesem Maße zur Debatte steht. Hiermit soll allerdings nicht behauptet werden, daß für bestimmte Fragestellungen die Analyse der Verwertung der Produktionsfaktoren Arbeit und Boden nicht angebracht wäre.

Die oben aufgestellte These, daß für die Prozeßeffizienzbeurteilung eine Analyse hinsichtlich der Verwertung eingesetzter Produktionsfaktoren nicht sinnvoll ist, wird alleine durch den Vergleich zwischen intensiver und extensiver Wirtschaftsweise oder den Vergleich von Betrieben mit hohem Viehbesatz gegenüber Betrieben mit niedrigem oder keinem Viehbesatz bestätigt. Ein intensiv wirtschaftender Betrieb ist durch vergleichsweise hohe monetäre Aufwendungen pro ha LF gegenüber einem extensiven Betrieb gekennzeichnet. Dies mag in der ökonomischen Analyse zu einer schlechteren Beurteilung verschiedener Aufwandpositionen führen. Für die Beurteilung der Erträge gilt gleiches in übertragenem Sinne.

Würden allerdings jeweils die Relationen der monetären Aufwendungen zu den monetären Erträgen verglichen, die Forderung nach der funktionalen Beziehung zwischen Zähler und Nenner ist hier im Gegensatz zu dem eben besprochenen Fall erfüllt, ergäbe sich sicher in den meisten Fällen ein anderes Bild. Dahinter steht die Überlegung, daß derjenige, der niedrige monetäre Erträge erwirtschaftet, auch die Aufwendungen niedrig halten muß, um ökonomisch effizient zu wirtschaften. Das Beispiel in Übersicht 11 möge diese Hypothese unterstreichen.

In dieser Übersicht werden Marktfruchtbetriebe (M-Betriebe(12)) intensiv (MIN) versus extensiv (MEX) mit erfolgreichen Betrieben MEX (E-Betriebe) nach Maßgabe verschiedener Aufwandpositionen und der Nettowertschöpfungsquote verglichen. Die Intention hierbei ist, den Werten bezogen auf ha LF die gleichen Werte, aber jeweils bezogen auf 100 DM erweiterten Betriebsertrag, gegenüberzustellen. Die Daten wurden aus den Buchführungsergebnissen landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen als Dreijahresdurchschnitte aus den Wirtschaftsjahren 86/87, 87/88 und 88/89 errechnet, um Zufallsschwankungen weitgehend zu eliminieren.

Bei der naiven Unterstellung monokausaler Beziehungen, die prinzipiell vielen ökonomischen Analysen im Ansatz zugrunde liegen (vgl. HAUSCHILDT, 1971, S.342), wird der Erfolg (hier gemessen an der Nettowertschöpfungsquote als Effizienzmaßstab, zur Definition vgl. Kapitel 5.2.2.3) in bestimmten Bereichen (die vom Grenznutzen zusätzlichen Aufwands determiniert werden) als eine positiv korrelierte Funktion der Aufwendungen gesehen.

Die Aufwandgrößen pro ha LF zeigen erwartungsgemäß wesentlich höhere Aufwendungen bei den MIN- als bei den MEX-Betrieben. Infolgedessen müßten diese Betriebe auch die höchste ökonomische Effizienz erreichen. Tatsächlich aber wird diese Betriebsgruppe nicht durch die höchste, sondern durch die niedrigste Nettowertschöpfungsquote ausgewiesen. Angesicht dieses Umstandes und der Untersuchung der Aufwandgrößen pro ha LF der extensiven M-Betriebe könnte der Analytiker folgern, daß nicht höhere, sondern niedrigere Aufwendungen zu einer besseren Effizienz führen, der Bereich, für den die oben aufgestellte These ihre Gültigkeit hat, also nicht mehr eingehalten ist. Der hier angelegte Effizienzmaßstab würde diese These zwar bestätigen, doch ist die "Mehr-Effizienz" (höhere Nettowertschöpfungsquote) im Vergleich zu den "Minder-Aufwendungen" so gering, daß von einem signifikanten Ergebnis nicht gesprochen werden kann. Werden zusätzlich die Aufwandhöhen pro ha LF der extensiven E-Betriebe in die Betrachtung einbezogen, erweist sich die Hypothese in keiner Weise mehr als haltbar, liegen doch die Aufwandhöhen der am effizientesten wirtschaftenden Betrieb genau zwischen denen der beiden zuvor untersuchten Betriebsgruppen.

Erst die Analyse der Aufwendungen, diesmal bezogen auf 100 DM erweiterten Betriebsertrag, ergeben ein schlüssigeres Bild: Der Vergleich der erfolgreichen mit den mittleren MEX-Betrieben zeigt, daß in Relation zum Ertrag der erweiterte Betriebsaufwand der E-Betriebe deutlich niedriger ausfällt. Dies läßt auf eine bessere ökonomische Effizienz schließen (die pro ha LF gemessenen Aufwendungen lassen dies nicht erkennen), die in der Tat durch eine wesentlich günstigere Nettowertschöpfungsquote bei den E-Betrieben ausgewiesen ist. Hingegen fallen die Relationen für sonstige Aufwendungen und für den Aufwand an Arbeitshilfsmitteln bei den M-Betrieben zu hoch aus, auch hier ist dieser Sachverhalt an den pro ha LF ausgewiesenen Aufwendungen nicht zu sehen. Eine weitere Ursachenanalyse nach dem in Kapitel 4.1.2.2 geschilderten Verfahren kann also nur aufgrund der in Aufwand-/Ertragsrelationen ausgewiesenen Kennzahlen anknüpfen, die auf Hektar bezogenen Kennzahlen erweisen sich hingegen nicht als dienlich.

Ein weiteres, in der Praxis der ökonomischen Analyse mittels Betriebsvergleich durchaus verbreitetes Vorgehen (vgl. etwa KIMME, 1981, S.72 ff.) ist die Bildung von Gliederungszahlen im monetären Bereich. Dazu werden beispielsweise einzelne Aufwandpositionen als Teilgröße des gesamten Aufwands zum Vergleich herangezogen. Inwieweit damit interpretierbare Aussagen getroffen werden können, sei wieder an einem - diesmal konstruierten - Beispiel hinterfragt.

Die Aufwandposition "Arbeitserledigung" betrage in Betrieb X 25 Prozent der Summe aller Aufwendungen (100 DM / 400 DM). Der Betrieb erwirtschafte damit 600 DM Ertrag. Betrieb Y weise 200 DM Aufwand für Arbeitserledigung auf, die Gesamtsumme der Aufwendungen beliefen sich hingegen bei einem erwirtschafteten Ertrag von 1000 DM auf einen Betrag von 800 DM. Der Vergleich der Kennzahlen "Aufwand Arbeitserledigung zu Gesamtaufwand" kann in diesem Beispiel keine weiteren Erkenntnisse liefern. Nicht zuletzt aus diesem Grund stehen, wie bereits erwähnt, Gliederungszahlen für die Analyse ökonomischer Zusammenhänge in der vorliegenden Arbeit nicht im Vordergrund. Bezogen auf das Beispiel erlaubt erst die Beurteilung der Aufwandgrößen in Relation zum erwirtschafteten Ertrag eine Aussage über die Vorzüglichkeit der Wirtschaftsweise des einen oder anderen Betriebes.

Auch hier gilt, wie schon im Beispiel davor, daß vor der Konstruktion von Kennzahlen das Analyseziel klar definiert sein muß.

Diese beiden einfachen Beispiele sollen nicht als Versuch eines Beweises verstanden werden. Jedoch in Verbindung mit analytischen Überlegungen und der Theorie der Kennzahlenkonstruktion unterstützt es die Kritik am Gebrauch vieler der "vertrauten" Kennzahlen zur ökonomischen Analyse landwirtschaftlicher Betriebe. Die aus dieser Kritik abgeleiteten Ideen zeigen ermutigende Ansätze, deren konkrete Umsetzung am Beispiel des realisierten Expertensystems FARMEXPERT veranschaulicht wird.

Wie bereits erwähnt, kann einer Beziehungszahl im einfachsten Fall eine monokausale Beziehung des Typs

   Y = f(X)

zugrunde liegen. Hierbei ist entweder Linearität oder Nichtlinearität zu unterstellen. Ein linearer Zusammenhang der dargestellten Beziehung bedarf keiner weiteren Untersuchung, da das Verhältnis zwischen Zähler und Nenner, und somit die Kennzahl, immer gleich bleibt. Dies ist der Fall beispielsweise bei technischen Konstanten, wie feststehenden input - output Relationen (vgl. LEFFSON, 1977, S.180). Dennoch ist weiter oben bereits gezeigt worden, daß die funktionale Beziehung allein zwar eine notwendige, jedoch noch keine hinreichende Bedingung zur Konstruktion einer Kennzahl darstellt.

Für ökonomische Fragestellungen, somit auch betriebswirtschaftliche Kennzahlen, freilich ist die Diskussion um monokausale Beziehungen eher theoretischer Natur, da hier den Ursache-Wirkungs-Beziehungen im allgemeinen multikausale und nichtlineare funktionale Zusammenhänge der Form

   Y = f(X,Y,Z, ...)

unterstellt werden müssen. Um den Einfluß aller unabhängigen Variablen auf die Abhängige zu erkennen, müssen alle unabhängigen Variablen gesondert untersucht werden, wobei hier die Grenzen der Kennzahlenanalyse deutlich werden, da üblicherweise die Analysen über eine isolierte Betrachtungsweise nicht hinausgehen. Aufschluß über die Ursachen einer bestimmten Ausprägung der abhängigen Variablen bringt aber erst die simultane(13) Betrachtung mehrerer oder aller unabhängigen Einflußgrößen. Auf diesem Gebiet können anscheinend erst Expertensysteme Fortschritte erzielen, wie am weiter unten dargestellten Konzept von FARMEXPERT versucht wird zu zeigen. Diese Aussage besitzt natürlich nur Gültigkeit für automatisch erstellte Analysen, wenngleich Expertensysteme dem Menschen gegenüber bei der simultanen Betrachtung vieler Variablen im Vorteil sind.

Dies führt zur nächsten "Regel" zur Konstruktion von Kennzahlen, die allerdings bei der gleichzeitigen Berücksichtigung von mehreren Einflußfaktoren etwas an Bedeutung verliert: Je mehr unabhängige Variablen auf eine Bezugsgröße wirken, desto weniger ist diese Zahl zur Kennzahlenbildung geeignet (vgl. LEFFSON, 1977, S.182).

Dispositiv kurzfristig veränderbare Größen sollten keinen Eingang in eine Kennzahl finden, da eine Kennzahl in allgemeinen mehr Information vermitteln sollte, als über die Verhältnisse an einem einzelnen Tag (vgl. LEFFSON, 1977, S.184).

Formal ist darauf zu achten, daß zur Konstruktion von Kennzahlen keine Variablen herangezogen werden, die sowohl im Zähler als auch im Nenner gleichzeitig negativ werden können. Der Quotient zweier negativer Zahlen wäre dann genauso zu beurteilen wie der zweier positiver Zahlen im gleichen Verhältnis (vgl. LEFFSON, 1977, S.184).

4.1.1.3 Aussagekraft betriebswirtschaftlicher Kennzahlen

So wie die Aussagekraft isolierter, absoluter Zahlen eingeschränkt ist (außer der absoluten Ausprägung der Zahl liefern sie keinerlei Aussage), ist auch die Aussagekraft einer isoliert betrachteten Kennzahl gering. Eine absolute Zahl kann nur durch Bezug auf eine andere Zahl zu einer ökonomischen Aussage führen. Der so gewonnene Quotient wird erst im Vergleich mit einer anderen Kennzahl informativ. Kennzahlenanalysen bedingen daher den Vergleich einer Kennzahl mit mindestens einer weiteren Kennzahl (LEFFSON, 1977, S.176).

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen (vgl. prinzipiell dazu ZVEI, 1971, S.110). Aus der Kennzahl

                                         Gewinn (DM)
    Eigenkapitalverzinsung(14) (%) = ---------------------- * 100
                                       Eigenkapital (DM)

kann gelesen werden, daß im Durchschnitt des Beobachtungszeitraums aus 100 DM eingesetztem Eigenkapital X DM Gewinn erwirtschaftet wurden.

Aus der Kennzahl an sich kann nicht ersehen werden,

Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit kann durch den Vergleich

beantwortet werden.

Die Frage nach der Ursache der Ausprägung der Kennzahl wird im allgemeinen versucht durch die Zerlegung der betreffenden Kennzahl in zwei oder mehrere weitere Kennzahlen zu beantworten. Dadurch entstehen Kennzahlensysteme (vgl. dazu nächstes Kapitel).

Eine weitere Möglichkeit der Ursachenanalyse, die der logischen Schlußfolgerungen, die sich aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Ausprägungen von Kennzahlen ergeben, ist in der Literatur, wenn überhaupt, nur sehr selten zu finden. Äußerstenfalls wird versucht, einen einzigen Sachverhalt, etwa die Prognose einer Insolvenz, aus Kennzahlen abzuleiten (vgl. dazu den umfassenden Überblick in RÖSLER, 1986). Prognosen dieser und ähnlicher Art können m.E. allerdings kaum als Ursachenanalyse angesehen werden.

Die dritte Möglichkeit schließlich bietet sich in der Kombination beider Ansätze. Diese Art der Ursachenanalyse wird in Kapitel 4.1.2.2 vertieft.

4.1.2 Kennzahlensysteme

In der Literatur finden sich umfangreiche und vielzählige Abhandlungen über Definition und Wesen von Kennzahlensystemen. Darüber hinaus werden für den konkreten Analysefall entwickelte Kennzahlensysteme vorgestellt und diskutiert. Einen ausgezeichneten Überblick verschafft beispielsweise STÄHLE (1969), dessen Abhandlung zwar über 20 Jahre zurückliegt, aber dennoch vom methodischen Standpunkt nicht veraltet ist.

Das wohl bekannteste Kennzahlensystem ist das in das Jahr 1959 zurückreichende "DuPont System of Financial Control" (vgl. ERNE, 1971, S.24). "Bei der Konzeption dieses Systems wurde davon ausgegangen, daß die Maximierung einer relativen Größe, des "return on investment" (Rückfluß auf das investierte Kapital), oberstes Ziel der Unternehmung sei. Demzufolge wurden von dieser globalen Kennzahl aus, aufgrund einer definitionslogischen Deduktion, die übrigen Kennzahlen gebildet und zueinander in Beziehung gesetzt" (ERNE, 1971, S.24).

4.1.2.1 Ursachenanalyse mittels Kennzahlensystemen

Kennzahlen zeigen Veränderungen und geben damit den Anstoß, deren Ursachen zu suchen oder sogar zu erklären. Die hieraus resultierende Ursachenanalyse basiert teilweise auf der oben diskutierten Ursachenkomponente von Kennzahlen.

Die Frage nach der Ursache der Ausprägung einer Kennzahl "wird durch Zerlegung der Kennzahl in zwei oder mehr Kennzahlen beantwortet" (ZVEI, 1971, S.111). Dieses Vorgehen ist schematisch in Abbildung 23 gezeigt.

Bekanntestes Beispiel ist das im vorhergehenden Abschnitt erwähnte "DuPont System of Financial Control".

MÄRZ faßt die Vor- und Nachteile so gestalteter Systeme konzis zusammen: "Der Vorteil der Rechensysteme liegt darin, daß sie den Ursache-Wirkungszusammenhang innerhalb des Systems verdeutlichen. Ursachenforschung wird durch die Betrachtung der einer Kennzahl untergeordneten Kennzahl möglich, Wirkungsforschung kann betrieben werden, indem man "ceteris paribus" eine untergeordnete Kennzahl verändert und die Auswirkung auf den Wert der übergeordneten Kennzahl untersucht. Diese idealisierte Möglichkeit der Ursachen-Wirkungsforschung ist jedoch in der Praxis kaum gegeben, da sich auch andere Parameter ändern, die Einflüsse sich so gegenseitig überlagern und dadurch die Analyse erschweren. Zudem taucht häufig dieselbe absolute Ausgangsgröße in verschiedenen Kennzahlen der Pyramide auf: Einmal im Zähler, einmal im Nenner, die entstehenden Kennzahlen werden durch die vier Grundrechenarten weiter verknüpft. In der Folge geht der Überblick verloren, es läßt sich nur schwer feststellen, welche Auswirkung eine Änderung der betrachteten Ausgangsgröße auf die Spitzenkennzahl hat" (MÄRZ, 1983, S.66). Obwohl der Ansatz methodisch einwandfrei und sehr transparent ist, liegt gerade in der rigiden Zerlegung die Ursache dafür, daß sich viele Kennzahlen nur in solche Komponenten aufspalten lassen, die betriebswirtschaftlich nichts oder wenig aussagen. Als Beispiel dafür sei die Vielzahl der Hilfskennzahlen des ZVEI-Schemas herangezogen (z.B. umsatzbezogenes Kapital zu durchschnittlichem Gesamtkapital, Sachanlagen-Anfangsbestand zu durchschnittlichem Gesamtkapital (ZVEI, 1971, S.14)).

4.1.2.2 Ursachenanalyse mittels Zerlegung von Kennzahlen und logischer Schlußfolgerung

Diese Art der Ursachenanalyse soll dem Umstand abhelfen, daß der Betrachter eines Kennzahlenkataloges oder auch eines Kennzahlensystems bei der Interpretation des Zahlenwerkes ohne weitere Unterstützung bleibt. Die Schwachstellen müssen also vom Betrachter aufgespürt und Ursachen dafür gefunden werden. Da es in betriebswirtschaftlichen Fragestellungen aber, wie bereits gezeigt, kaum monokausale, sondern vorwiegend multikausale Beziehungen zwischen den verschiedenen Kennzahlen gibt, wirkt dies noch erschwerend. Darüber hinaus können von Betrieb zu Betrieb völlig andere Ursachen für die gleiche Ausprägung einer Kennzahl verantwortlich sein. Dies verlangt eine sehr gute Kenntnis der Zusammenhänge zwischen den einzelnen Kenndaten eines Betriebes, oder anders ausgedrückt: Expertenwissen.

Ein Beispiel soll sowohl den eben beschriebenen Sachverhalt als auch die Methode verdeutlichen.

Die Analyse der Aufwendungen eines landwirtschaftlichen Betriebes mittels der verbreiteten Kennzahl (die hier ohne Berücksichtigung der Kritik in Kapitel 4.1.1.2 herangezogen werden soll)

                                              Unternehmensaufwand (DM)
  Unternehmensaufwand DM pro ha LF = -----------------------------------------------
                                          Landwirtschaftliche Nutzfläche (ha)

habe im Vergleich zum Durchschnitt einer geeigneten Vergleichsbetriebsgruppe einen überhöhten Wert ergeben. Durch eine Kennzahlenzerlegung, auf deren Methodik das nächste Kapitel ausführlicher eingeht, läßt sich im weiteren Vergleich ohne weiteres zeigen, welche Aufwandpositionen im einzelnen dafür verantwortlich sind. Dies ist in Übersicht 12 dargestellt. Dort ist für den Analysebetrieb ein Unternehmensaufwand von 8599 DM/ha LF ausgewiesen, im Gegensatz zur gleichen Position für die Vergleichsgruppe von 5507 DM/ha LF. Zuerst einmal ist hiermit die Frage nach der Verhältnismäßigkeit geklärt. Durch Zerlegung in die einzelnen Unter-Aufwandpositionen können die Ursachen für diese Abweichung zurückverfolgt werden.

Die eigentliche Frage lautet allerdings, was sind die betrieblichen Ursachen für diese vergleichsweise hohen Aufwendungen und wie kann Abhilfe geschaffen werden? Dies kann erst durch die Analyse der logischen Zusammenhänge herausgefunden werden. Bei der Analyse der einzelnen Aufwandpositionen des gewählten Beispiels fallen hohe Aufwendungen für die Unterhaltung der Maschinen und Geräte sowie für Abschreibungen eben dieser Maschinen auf. Dies verwundert auf den ersten Blick, da hohe Abschreibungen auf vergleichsweise neue Maschinen hindeuten, die i.d.R. weniger reparaturanfällig sind. Hohe Abschreibungen können jedoch auch durch einen überhöhten Besatz an Maschinen entstehen. Also können für die hier gefundenen höheren Abschreibungen mindestens zwei Gründe eine Rolle spielen.

Dies Beispiel zeigt, daß die gleiche Ausprägung einer Kennzahl auf verschiedenen Betrieben auf unterschiedliche betriebliche Gegebenheiten zurückzuführen sein kann. Die "Kunst" des Analytikers besteht nun darin, solange weitere Kennzahlen zur logischen Erklärung heranzuziehen, bis die eigentliche Ursache herausgefiltert ist.

Unterstellt man im Beispiel einen vergleichsweise hohen Maschinenbesatz, so deutet das auf ein höheres durchschnittliches Maschinenalter hin, was den erhöhten Reparaturaufwand erklären könnte (wie bei der Anwendung von FARMEXPERT an einem Beispiel gezeigt wird, kann aus der Relation des Aufwandes für Maschinenbeschreibungen zu Maschinenbesatz auf das Alter der Maschinen geschlossen werden). In Verbindung mit den relativ hohen Aufwendungen für Lohnarbeit und Maschinenmiete kann als Ergebnis dieser kurzen Partialanalyse die Empfehlung stehen, einerseits die Notwendigkeit des Zukaufs der Lohnarbeit zu überprüfen, da offensichtlich der Maschinenbesatz überhöht ist und andererseits zu prüfen, ob wirklich alle betriebseigenen Maschinen effizient eingesetzt werden. Zur Senkung der Reparaturkosten und zur Vermeidung eines überalterten Maschinenbestandes, sollten alte, reparaturanfällige Maschinen abgestoßen, neue Maschinen allerdings nur gekauft werden, wenn keine andere Möglichkeit der Arbeitserledigung besteht.

Solche logischen Konstrukte lassen sich u.a. mittels Entscheidungsbäumen darstellen

und nachvollziehen. Der in obigem Beispiel gefundene Pfad im (vereinfachten) Entscheidungsbaum ist in Abbildung 24 gezeigt. Die Gliederung der Aufwendungen ist an die Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen angelehnt (vgl. HESS. LANDESAMT ..., 1990), die Entscheidung, ob ein Wert jeweils als hoch oder niedrig anzusehen ist, kann beispielsweise den Ergebnissen eines Betriebsvergleich entnommen werden.

4.2 Betriebliche Vergleiche

4.2.1 Möglichkeiten betrieblicher Vergleiche

Jedes Wirtschaftssubjekt möchte aus seiner eigenen Tätigkeit und aus der Erfahrung anderer lernen. Das Wesen des Vergleichs besteht also darin, zu lernen, d.h., zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen. Nicht zuletzt aus diesem Grund nehmen die Möglichkeiten und Formen betrieblicher Vergleiche in der Literatur einen so breiten Raum ein. Einen sehr umfassenden, allgemeinen Überblick liefert SCHNETTLER (1961). Für den Bereich der Agrarwissenschaften sei auf die Ausführungen von KIMME (1981) verwiesen. KIMME faßt mögliche Verfahren in einem Schema zusammen, welches in Abbildung 25 wiedergegeben ist.

Auf die für die vorliegende Arbeit interessierende Methode soll im folgenden kurz eingegangen werden (in der Abbildung hervorgehoben).

4.2.2 Horizontaler Betriebsvergleich

"In der Fachsprache der Betriebswirtschaftslehre werden als 'Betriebsvergleiche' nur solche Vergleiche angesehen, die systematisch nach bestimmten Zwecksetzungen durchgeführt werden. Nur dann, wenn Zahlen und sonstige Tatbestände zweckbewußt und systematisch nach bestimmten Methoden verglichen werden, ist diese Tätigkeit als 'Betriebsvergleich' anzusehen" (SCHNETTLER, 1961, S.1).

Für den horizontalen Betriebsvergleich, wobei hier der Vergleich von Einzelbetrieben mit Gruppendurchschnitten im Vordergrund steht, werden Kennzahlen des gleichen Zeitraumes von einem Analysebetrieb und einem Vergleichsbetrieb bzw. dem Durchschnitt einer Vergleichsbetriebsgruppe gegenübergestellt.

Die Hauptkritik am horizontalen Betriebsvergleich entzündet sich regelmäßig an der Frage nach der Vergleichbarkeit zweier Betriebe, daher rückt diese Form des Vergleiches zugunsten des Vergleiches mit einer Gruppe von Betrieben immer weiter in den Hintergrund. Aber auch hier bleibt der Kritikpunkt der Vergleichbarkeit bestehen. Vergessen wird bei solcher Kritik oft, daß ein Kennzahlenvergleich gerade die Andersartigkeit der Unternehmensverhältnisse aufdecken will und daraus erst auf die Ursachen für die unterschiedliche Ausprägung gleicher Kennzahlen gefolgert werden kann. Würden im Extremfall alle Unterschiede, in der Literatur oft Störfaktoren genannt, ausgeschaltet, so würden sich auch die Kennzahlen nicht mehr voneinander unterscheiden.

Die klassische Betriebsanalyse erstellt und untersucht Kennzahlen aus der Bilanz, der Gewinn- und Verlustrechnung oder einer Kombination aus beiden Elementen des Jahresabschlusses. Dessen Analyse soll in den nächsten beiden Unterpunkten angerissen werden.

Bei der Untersuchung gefundener Abweichungen im Rahmen einer Ursachenanalyse auf Basis von Jahresabschlüssen leidet dieses Verfahren an der Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Daten. Um Abweichungsursachen erkennen zu können, werden darüber hinaus noch vielerlei Daten, wie z.B. das Mengen- und Preisgerüst des Unternehmens und des Vergleichsobjektes benötigt. Da diese Daten meist nicht in befriedigender Form vorliegen, bleibt die Aussagekraft der Betriebsanalyse sowie des Betriebsvergleichs oft beschränkt. Sind allerdings solche Daten vorhanden und können in den Vergleich einfließen, so bietet dieses Verfahren eine ausgezeichnete Informations- und Diskussionsgrundlage.

An dieser Stelle soll kurz auf die leidige Diskussion über die Verdrängung menschlicher Arbeitskraft (hier beispielsweise landwirtschaftliche Berater) durch Expertensysteme eingegangen werden. Wird ein Betriebsvergleich durch ein Expertensystem (oder einem anderen Computerprogramm) durchgeführt, so gilt genau das oben gesagte: Es bietet eine Informations- und Diskussionsgrundlage, das Gespräch über die Ergebnisse der Analyse und daraus abgeleiteter Maßnahmen ist nicht zu ersetzen. Ein Expertensystem, so auch FARMEXPERT, vereinfacht lediglich die Analyse und kann Hinweise auf die Möglichkeitsfelder der zu ergreifenden Maßnahmen liefern. Ein so verstandenes Expertensystem kann und soll keinen normativen Charakter haben.

4.2.2.1 Analyse der Bilanz

Auf die umfangreiche Literatur zu diesem Thema wurde schon am Anfang des Kapitels 4 hingewiesen. Hier soll auch nicht auf die Methodik, sondern eher darauf eingegangen werden, welche Aussagen aus der Bilanzanalyse ableitbar sind und wo die Grenzen der Bilanzanalyse liegen. Dies soll in erster Linie vor dem Hintergrund des entwickelten Expertensystems geschehen.

RÖSLER (1986, S.19) unterscheidet zwischen vertikalen und horizontalen Relationen.

Die Analyse vertikaler Relationen besteht vordergründig in der Untersuchung von Strukturkennzahlen. Zunächst können beispielsweise die Positionen der Bilanz zweckmäßig zusammengefaßt und durch die Bilanzsumme dividiert werden. Eine solche Kennzahl würde als Gliederungszahl etwa das

Anlagevermögen zur Bilanzsumme

in Beziehung setzen. Die Kennzahlenbildung wird immer dann sinnvoll sein, wenn bestimmte inhaltliche Vermutungen und Fragen mehrere Positionen verknüpfen. So kann die Relation

Maschinenvermögen zu Anlagevermögen

genutzt werden, Teile der Investitionsstrategie eines Unternehmens abzubilden.

Der horizontale Vergleich von Strukturmerkmalen innerhalb einer Bilanz läßt sich mathematisch gesehen auf die Kennzahlen vertikaler Relationen zurückführen, in denen die Bilanzsumme gekürzt wurde, wie etwa das Verhältnis

Anlagevermögen zu langfristigem Fremdkapital.

Diese Kennzahlen suchen die Relation der Vermögensteile und der korrespondierenden Kapitalpositionen gleicher Bindungsdauer aufzudecken.

Wenngleich die Anzahl der möglichen Kennzahlen lediglich durch die Gesetze der Kombinatorik beschränkt ist, sollte bei jeder gebildeten Kennzahl die Frage nach der Sinnhaftigkeit und der Aussagerelevanz eingehend geprüft worden sein. Einige Grundsätze hierzu sind bereits im Kapitel zur Konstruktion von Kennzahlen angesprochen worden.

4.2.2.2 Analyse der Gewinn- und Verlustrechnung

Aus der Bilanz alleine lassen sich weder Aussagen zur Struktur- noch zur Prozeßeffizienz ableiten, hierzu sind Erfolgsgrößen aus der Gewinn- und Verlustrechnung unabdingbar.

Die Gewinn- und Verlustrechnung hat primär die Aufgabe, das Periodenergebnis hinsichtlich Entstehung, Höhe und Verwendung zu dokumentieren. Ihr kommt eine besondere Bedeutung zu, ist sie doch, im Gegensatz zur Bilanz, kein direktes Objekt der Bilanzpolitik und somit auch nicht als bewertungs- und stichtagsabhängiges Rechenwerk gezielt gestaltet.

Dennoch wird, obwohl MELLEROWICZ und JONAS schon 1957 erkannten, daß "die Kraft, Reichtümer zu schaffen, ... unendlich wichtiger (ist) als der Reichtum selbst" (MELLEROWICZ und JONAS(15), 1957, S.11, zitiert in RÖSLER, 1986, S.16), heute für die Beurteilung des Jahresabschlusses, besonders in der Kreditpraxis, der Analyse der Bilanz der Vorrang gegenüber der Gewinn- und Verlustrechnung eingeräumt (vgl. RÖSLER, 1986, S.16).

Dessen ungeachtet spielt die Analyse der Gewinn- und Verlustrechnung hinsichtlich der Effizienzbeurteilung die ausschlaggebende Rolle, denn sie bildet die Basis für die Bestimmung der Prozeßeffizienz.

Die Erfolgsverwendung ist daraufhin zu durchleuchten, welche Teile des Erfolges das Unternehmen wofür "verlassen" haben, bzw. an welche Interessengruppen sie geflossen sind. Dies mündet unter anderem in die Wertschöpfungsanalyse.

Die Analyse der Erfolgsentstehung differenziert zwischen der Untersuchung der Aufwandsstruktur und der Ertragsstruktur. Wichtig, allerdings nur im vertikalen Vergleich, sind Verschiebungen innerhalb der Aufwandsstruktur und die Aufspaltung der Erträge nach Herkunft und Qualität. Eine der wichtigsten und aussagefähigsten Kennzahlen aus diesem Bereich überhaupt ist der Unternehmenserfolg. Soll die Effizienz des Unternehmens beurteilt werden (vgl. Kapitel 4.4), so ist der Verhältniszahl

Unternehmensertrag zu Unternehmensaufwand

als Maß für den Erfolg eines Unternehmens gegenüber der absoluten Größe des Gewinns der Vorzug zu geben.

Eine häufig gewählte Relativierungsgröße bei der Kennzahlenbildung zur Beurteilung eines Unternehmens ist der Unternehmensertrag. Dieser ist m.E. - mit oder neben der in Kapitel 5.2.2.1 erwähnten Wertschöpfung - gleichzeitig ein viel besseres Maß für die "Größe" eines landwirtschaftlichen Unternehmens, als die Zahl der bewirtschafteten Hektar.

Der Unternehmensertrag, der Unternehmenserfolg oder andere sinnvolle Größen müssen allerdings auch an jenem Vermögen gemessen werden, das zu der Erzielung der jeweiligen Größen eingesetzt wurde. Durch dieses Inbeziehungsetzen erhält man kombinierte Kennzahlen.

4.2.2.3 Kombinierte Kennzahlen

Was am obigen Beispiel der Kennzahl Return on Investment (ROI) bereits angedeutet wurde, mündet in die Konstruktion kombinierter Kennzahlen und somit unter anderem in die Messung der Struktureffizienz.

Mittels aus Gewinn- und Verlustrechnung sowie Bilanz ermittelter, kombinierter Kennzahlen, also durch die Beziehung von Erfolgsgrößen auf Kapitalgrößen, werden Rentabilitäten ausgewiesen. Rentabilitäten sind Effizienzkennzahlen, die den Output einer Periode in Relation setzen zu dem Kapital, das zu seiner Erzeugung benötigt wurde. Damit werden Erfolge verschiedener Branchen und unterschiedlicher Art meß- und vergleichbar gemacht. Diese Kennzahlen sind also wie kaum andere, für den horizontalen Vergleich geeignet. In diesem Zusammenhang ebenfalls von Bedeutung sind Renditen, die durch die Relation von Erfolgsgrößen zu anderen Stromgrößen ausgewiesen werden. Beispielsweise sei hier die Kennzahl der "Umsatzrendite" (auch: "Umsatzgewinnrate") angeführt, die den

Unternehmensgewinn zum Unternehmensumsatz

in Beziehung setzt.

Keine Analyse kann auf die vergleichende Beurteilung der Kennzahl "Gesamtkapitalrentabilität(16)", also die Relation

(Gewinn + Zinsaufwand(17)) zu Gesamtkapital

verzichten, die die gesamte Effizienz eines Unternehmens in einer Kennzahl zusammenfaßt. Diese Gesamtkapitalrentabilität ist zur Beurteilung eines Unternehmens notwendig, aber keinesfalls hinreichend, da der Jahresüberschuß eine vielfältig beeinflußbare Größe darstellt. Diesem Umstand wurde, wie später gezeigt wird, bei der Konzeption des Expertensystems zum horizontalen Betriebsvergleich Rechnung getragen.

Außer den Rentabilitäten weisen noch eine ganze Reihe anderer Beurteilungskriterien die Charakteristika kombinierter Kennzahlen auf. Zu nennen sind hier beispielsweise Umschlagskennzahlen (z.B. Kapitalumschlagshäufigkeit), die Kapazitätsauslastung oder die potentielle Schuldentilgungsdauer. Die konkrete, begriffliche Definition dieser angeführten Kennzahlen erfolgt jeweils im Zusammenhang mit ihrer Verwendung bei der Darstellung der Funktionsweise des erstellten Expertensystems.

4.2.2.4 Weitere Kennzahlen

Der Phantasie des Analytikers sind bei der Kennzahlenkonstruktion keine Grenzen gesetzt, was in der Literatur in zahllosen Kennzahlenvorschlägen seinen Ausdruck findet. Oft werden dabei aber sogar die weiter oben dargelegten Regeln der Kennzahlenkonstruktion verletzt.

Ein Weg, die "richtigen" Kennzahlen zu finden, liegt in empirischen Untersuchungen, die mittels statistischer Methoden versuchen, die für eine bestimmte Zielsetzung (etwa Insolvenzprognose) relevanten Kennzahlen herauszufinden. Beispiele hierzu finden sich bei RÖSLER (1986) oder MÄRZ (1983), um nur zwei Publikationen zu diesem Problembereich zu nennen. Fast allen Untersuchungen ist zu eigen, daß sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu unterschiedlichen Kennzahlen gelangen. Dennoch existieren einige zentrale Kennzahlen hoher Aussagekraft, die dann auch bei der Entwicklung vom FARMEXPERT Berücksichtigung fanden. Um Wiederholungen zu vermeiden, werden die Kennzahlen immer erst am Beispiel der konkreten Anwendung erläutert.

Die bisherigen Ausführungen beschränkten sich auf die Darstellung der Methodik und des Inhalts der Jahresabschlußanalyse. Dabei klang immer wieder die mangelhafte Datenqualität, aber auch die mangelnde Datenquantität an, die sich darin ausdrückt, daß für eine Analyse notwendige Daten im Zahlenwerk des Jahresabschlusses nicht vorliegen. In gut geführten landwirtschaftlichen Betrieben existieren aber noch eine Reihe weiterer Aufzeichnungen, wie Schlagkartei, Sauenplaner, Preisaufzeichnungen, um nur einige zu nennen, die diese Lücke teilweise füllen können. Auf der Basis dieser erweiterten Datengrundlage lassen sich Kennzahlen bilden, die wichtige Hinweise über die Effizienz des Mengen- und Preisgerüstes eines Betriebes geben. Dadurch lassen sich Phänomene im wertmäßigen Bereich oft erst erklären.

Der horizontale Betriebsvergleich als isoliertes Analyseinstrument entspricht jedoch noch nicht einem Idealmodell. Zum einen ist es für verschiedene Kennzahlen notwendig, die bisherige Entwicklung des Betriebes im Auge zu behalten, das bedeutet, daß ein ergänzender, vertikaler Vergleich erstellt werden sollte. Zum anderen verdient der reizvolle Gedanke der Verbindung des horizontalen Vergleiches mit einem SOLL-IST-Vergleich eine nähere Betrachtung, insbesondere wenn es darum geht, die Vergangenheitsorientierung der Jahresabschlußanalyse zu überwinden.

Ein SOLL-IST-Vergleich böte noch den weiteren Vorteil, daß die Unvollständigkeit der Daten und die Verzerrung des Jahresabschlusses durch externe Einflüsse umgangen werden könnten, indem eigens für den SOLL-IST-Vergleich notwendige Daten aus betriebswirtschaftlicher Sicht erhoben, gesammmelt und projiziert werden. Einen ersten Ansatz dazu zeigen SCHRÖTER und WAGNER (1990), allerdings ohne die Verbindung zu einem Expertensystem.

4.3 Zur Geschichte und den Perspektiven des Betriebsvergleiches

Die folgenden Ausführungen sind zum großen Teil angelehnt an die Ausführungen von KIMME (1981, S.7 ff.) und SCHNETTLER (1961, S.101 ff.). Eine noch ausführlichere Darstellung - insbesondere auch unter Berücksichtigung der Betriebsvergleiche im Ausland - findet sich bei ERNE (1971, S.15 ff.).

Betriebsvergleiche bzw. betriebsvergleichende Untersuchungen werden bereits seit dem letzten Jahrhundert durchgeführt. Der wohl erste in der Literatur erwähnte Betriebsvergleich geht auf das Jahr 1865 zurück (SCHOTT, 1956, S.62 ff.). Damals gab die amerikanische Regierung ein vergleichendes Gutachten zwischen der einheimischen und der englischen Baumwollindustrie in Auftrag. Nach dieser Zeit gab es hauptsächlich eine Reihe betriebs- bzw. branchenvergleichender Arbeiten, die als Vorläufer für Betriebsvergleiche angesehen werden können. Hierzu zählen neben vergleichenden Statistiken einiger Industriezweige auch die bilanzanalytischen Vergleiche der Wirtschaftspresse (vgl. SCHNETTLER, 1961, S.102). Als eigentlicher Beginn des Betriebsvergleichs auf breiter Ebene kann etwa die Zeit kurz nach 1900 angegeben werden. Zunächst entwickelten wirtschaftliche Verbände aus der Verbandsstatistik laufende Betriebsvergleiche. Im Gegensatz dazu wurden gelegentlich auch einmalige Untersuchungen durchgeführt, wie z.B. 1910 der Betriebsvergleich für den deutschen Maschinenbau (IHDE, 1988, S.579). Starken Auftrieb erhielt der Betriebsvergleich dann in den zwanziger und dreißiger Jahren. Hier waren es im besonderen Maße Verbände sowie wissenschaftliche und öffentliche Institutionen, die sich um eine Verbreitung des Betriebsvergleichs bemühten. In dieser Zeit sind für viele Branchen der Wirtschaft, u.a. auch der Landwirtschaft, eine Reihe von z.T. richtungsweisenden Vergleichen entstanden.

In den Zeiten der Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkrieges erfuhr der Betriebsvergleich eine besondere Intensivierung von seiten des Staates, geleitet von der Erkenntnis, daß die Ursachen mangelnder Leistungen durch betriebsvergleichende Untersuchungen festgestellt werden können, woraus dann entsprechende Abhilfemaßnahmen abzuleiten sind (vgl. SCHNETTLER, 1961, S.102 ff.).

Auch nach 1945 zeigte sich schon bald wieder das Bedürfnis, einen Einblick in die veränderte Strukturproblematik der einzelnen Wirtschaftszweige zu gewinnen. Mit Hilfe von Geldern des Marshallplanes wurde u.a. dem Rationalisierungs-Kuratorium der deutschen Wirtschaft die Aufgabe übertragen, Betriebsanalysen und Betriebsvergleiche durchzuführen (SCHNETTLER, 1961, S.104). Auch andere Träger, wie z.B. Wirtschaftsverbände oder wissenschaftliche Institute, zeigten sehr schnell wieder Interesse am Betriebsvergleich, so daß es in den fünfziger Jahren zu einer Blüte dieses Instrumentes kam.

Heute findet der Betriebsvergleich eher weniger Beachtung. Die Gründe hierfür sind vielschichtig, einerseits liegen sie im methodischen Bereich, zum anderen schätzen die Teilnehmer an einem Betriebsvergleich den dadurch verursachten Aufwand oft höher ein, als den daraus zu ziehenden Nutzen (vgl. ERNE, 1971, S.20). Soll der Betriebsvergleich seine Aufgabe als ein wichtiges Informationsinstrument für die Unternehmensführung erfüllen, so müssen ihm neue Impulse gegeben werden, die das Verhältnis von Nutzen zu Aufwand für die Teilnehmer günstiger gestalten. Die hier vorliegende Arbeit und das entwickelte Expertensystem soll als ein Beitrag dazu verstanden werden. Weiterhin bemerkt KIMME zu dieser Problematik: "Sicherlich ist auch die Wissenschaft an dem heutigen Zustand nicht ganz unschuldig, zumal sie dieses Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre in den letzten 10 bis 20 (10 bis 30, Anm. d. Verfassers) Jahren sehr stiefmütterlich behandelt hat. Dies wird auch an der entsprechenden Literatur deutlich, denn die grundlegenden Arbeiten zur Methodik stammen nahezu alle aus der Zeit vor 1960" (KIMME, 1981, S.9).

Ein Aufriß über die Entwicklung des Betriebsvergleiches wäre unvollständig, wenn nicht auch auf die Ziele und deren Veränderung im Zeitablauf eingegangen würde. Lag in den Anfängen des Betriebsvergleiches sein Zweck hauptsächlich in der Bereitstellung detaillierter Kostenunterlagen zur Unterstützung der Preispolitik der Wirtschaftsverbände, so wandelte sich dieses Ziel im Laufe der Zeit. Dem Betriebsvergleich fiel zunehmend die Rolle zu, als ein Informationsinstrument für die Betriebe selbst zu dienen. Die Untersuchungen, die auch heute noch durch Verbände oder staatliche Einrichtungen durchgeführt werden, sind eher dem Bereich der Betriebsstatistik als dem Bereich des Betriebsvergleiches, so wie er für die vorliegende Arbeit verstanden wird, zuzurechnen.

Nachdem die Zielsetzung des Betriebsvergleiches heute mehr hin zum Führungsinstrument für die Unternehmensleitung gerichtet ist, findet er durch den Einsatz von Computertechnologie, namentlich durch den Einsatz von Expertensystemen, wieder zunehmende Beachtung. Im deutschsprachigen Raum ist hier insbesondere die Forschergruppe um MERTENS zu nennen, die in Zusammenarbeit mit der DATEV maßgeblich an der Konzeption von Systemen zur Unternehmensanalyse, teilweise mittels Betriebsvergleich, beteiligt ist. Einen Überblick über diese Forschungsarbeiten findet man bei RAUH (1988), KRUG (1988) und DRÄGER et al. (1986).

KRUG weist die umfassendste Darstellung finanzwirtschaftlicher Expertensysteme aus, die in der vorliegenden Literatur zu finden war. Er gliedert in Expertensysteme zur

Für die Unternehmensanalyse zitiert KRUG zwanzig Expertensysteme (Stand: Ende 1988), die in Übersicht 13 zusammengefaßt sind (KRUG, 1988, S.16). Von den neun Systemen, die in dieser Übersicht der DATEV/Universität Erlangen-Nürnberg zugeordnet sind, bedient sich BVEX der Methode des horizontalen Betriebsvergleiches. Getestet wurde BVEX für das produzierende Gewerbe, einem Teilbereich des Gaststättengewerbes und für Apotheken. Die größten Probleme lagen in der Verfügbarkeit geeigneter Daten. Eine umfassende Erklärung dieses Modells liefert RAUH (1988, S.105 ff.). Dort wird auch die bisherige Entwicklung von DV-Systemen zur computergestützten Jahresabschlußanalyse beschrieben (RAUH, 1988, S.8 ff.).

Insgesamt kommen sowohl RAUH als auch KRUG zu ermutigenden Ergebnissen, weisen aber gleichzeitig auch auf bestehende Schwachpunkte hin (RAUH, 1988, S.149 ff., KRUG, 1988, S.148). Der Tenor in der kritischen Beurteilung, der besonders bei RAUH deutlich wird, läuft darauf hinaus, daß nur relativ allgemeine Hinweise auf potentielle Schwachstellen des Unternehmens erzeugt werden könnten. Dabei gelte es allerdings zu berücksichtigen, daß eine kostengünstige, maschinell erstellte Expertise im Stile einer medizinischen Reihenuntersuchung naturgemäß die Detaillierung einer qualifizierten personellen Analyse mit einem entsprechenden Zeitbudget nicht erreichen könne (RAUH, 1988, S.149).

Daraus folgt, daß ein nutzenbringender Einsatz solcher Systeme, wozu auch FARMEXPERT gezählt werden soll, vor allem dort möglich ist, wo einer personellen Analyse zeitliche und/oder fachliche Restriktionen entgegenstehen. Damit wird die Aussage in Kapitel 4.2.2 unterstrichen, daß die Ergebnisse einer maschinell erstellten Expertise Diskussionsgrundlage sind und auf eine personelle Wertung nicht verzichtet werden kann. Dennoch ist der Einsatz solcher Systeme von großem Nutzen: Zum einen ist die Zeitersparnis, zum anderen die Vollständigkeit ("nichts zu übersehen") als Vorteil anzuführen.

Die bisherigen Ausführungen waren wenig landwirtschaftsbezogen, obgleich gerade in diesem Wirtschaftszweig der Betriebsvergleich eine lange Geschichte aufweist. KIMME liefert einen ausführlichen Überblick, der nicht nur einzelne Vergleiche beschreibt, sondern auch deren wichtigste Ergebnisse in Form und Inhalt an Beispielen erläutert. Lediglich auf eine der dort erwähnten Arbeit sei kurz eingegangen, zur Darstellung weiterer Ansätze sei auf die entsprechende Quelle verwiesen (KIMME, 1981, S.99 ff.).

Diese in den frühen siebziger Jahren bekannt gewordene Arbeit unter der Bezeichnung "Beratungsbriefe des Arbeitskreises Betriebswirtschaft im Gartenbau e.V. Hannover" geht maßgeblich zurück auf SCHENK (1967), der einen maschinell erstellten, kommentierten Betriebsvergleich auf Basis von Buchführungsergebnissen im Gartenbau konzipierte. Trotz verschiedener Kritikpunkte die KIMME anführt, kommt er zu dem Schluß, "daß ein solcher kommentierter Betriebsvergleich durchaus wünschenswert wäre, jedoch nur, wenn Fehlinterpretationen weitgehend vermieden werden können, und Kommentare über vergleichsweise allgemeingehaltene Aussagen hinausgehen, die spezifischen Gegebenheiten und Wechselwirkungen des Einzelbetriebes genügend berücksichtigen" (KIMME, 1981, S.146). Hierin und in der hohen Anforderung an die Untersuchungsmethode und Programmgestaltung sieht er die Ursachen, "woran bisher ein zufriedenstellender Versuch dieser Art in der Landwirtschaft gescheitert sein dürfte" (KIMME, 1981, S.146). Dennoch legte diese Arbeit, insbesondere unter Berücksichtigung der schlechteren technischen Voraussetzungen zum damaligen Zeitpunkt, einen wichtigen Grundstein auf dem Gebiet der Erstellung maschineller Expertisen in der landwirtschaftlichen Betriebslehre.

4.4 Die Eignung landwirtschaftlicher Unternehmen zur ökonomischen Analyse mittels Kennzahlen

Ein Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines Expertensystems zur Betriebsanalyse, das zumindest als Vorstufe zu einem System gesehen werden kann, das in der Lage ist, eine umfassende Expertise über die Situation eines landwirtschaftlichen Betriebes abzugeben. Darüber hinaus soll diese Expertise Empfehlungen geben oder zumindest Ansatzpunkte zur Verbesserung der ökonomischen Situation liefern, sofern der Betrieb nicht ohnehin schon ein in allen Bereichen überdurchschnittliches Ergebnis erreicht.

Vor diesem Hintergrund bedürfen die methodischen Abgrenzungen, die bezüglich der Vergleichbarkeit der Zielsetzung verschiedener Betriebe getroffen werden müssen, einer eingehenderen Betrachtung. Dies erscheint um so mehr notwendig, als bisher eine solche Untersuchung, insbesondere im Zusammenhang mit der Entwicklung eines Expertensystems, in der vorliegenden Literatur noch nicht dokumentiert worden ist.

In Kapitel 4.2.1 sind bereits die durch die Datenbasis entstehenden Einschränkungen abgehandelt worden, während Abgrenzungskriterien bezüglich der Zielsetzung landwirtschaftlicher Unternehmen in Kapitel 4.4.1 Erläuterung finden. Darüber hinaus existieren weitere Einschränkungen, die im folgenden diskutiert werden. Dies soll auch im Hinblick auf die später im Modell umgesetzte Methode des horizontalen Betriebsvergleiches auf der Basis von Buchführungsergebnissen geschehen.

Grundlage für eine sinnvolle Analyse landwirtschaftlicher Betriebe auf Basis der Buchführungsergebnisse ist die Erkenntnis, daß prinzipiell alle dort ausgewiesenen Kennzahlen auf den landwirtschaftlichen Betrieb ausgerichtet sind. Folgerichtig lautet der Terminus "Betriebsanalyse" und nicht "Unternehmensanalyse". Wenn bisher auch der Begriff der Unternehmensanalyse verwendet wurde, dann vor dem Hintergrund, daß insbesondere die Literatur, die sich mit der Unternehmensanalyse in anderen Wirtschaftsbereichen als der Landwirtschaft beschäftigt, die Unterscheidung zwischen Unternehmen und Betrieb nicht in der Form kennt, wie sie in der landwirtschaftlichen Betriebslehre benutzt wird (zur Abgrenzung vgl. etwa MEIMBERG, 1966, S.19 ff., KUHLMANN, 1978, S.49 ff. oder BRANDES und WOERMANN, 1969, S.11, dort wird die Unterschiedlichkeit der Begriffsdefinitionen zwischen der industriellen und landwirtschaftlichen Betriebslehre klar herausgestellt).

Für den horizontalen Betriebsvergleich auf Basis von Buchführungsergebnissen steht also die Analyse der technischen und wirtschaftlichen Effizienz des landwirtschaftlichen Betriebes als technisch-ökonomische Einheit im Vordergrund.

Trotz dieser Einschränkungen ist aber eine Analyse immer noch mit Unsicherheiten und Gefahren behaftet. Zu nennen sind hier u.a. Vorbehalte bei der Bewertung der Arbeitskräfte des landwirtschaftlichen Betriebes. Im landwirtschaftlichen Betrieb mitarbeitende Personen über 65 Jahre werden beispielsweise generell mit 0.3 AK bewertet, unabhängig ihres tatsächlichen Mitwirkens im Betrieb (vgl. HESS. LANDESAMT ..., 1990, S.XI). Ähnliches gilt für Peronen unter 18 Jahren. Altenteiler werden - wenn überhaupt - mit sehr geringen Kapazitäten berechnet, wenngleich sie oft erheblich mehr Arbeitsleistung erbringen.

Ein weiteres Problem ist die Flächenangabe landwirtschaftlicher Betriebe. Die Flächenangabe kann eventuell ungenau bzw. zu niedrig liegen, weil u.U. zugepachtete Flächen zwar bewirtschaftet, aber in der steuerlichen Buchführung nicht angegeben werden. Dies führt zu dem umgekehrten Effekt als die weiter unten angeführten "Schwarzverkäufe": Alle Kennzahlen, die pro Fläche ausgewiesen werden, zeigen einen zu hohen Wert. Das bedeutet, daß u.a. auch bezüglich des Gewinns ein zu hoher Wert pro ha LF ausgewiesen wird.

Die vorstehenden beiden Absätze sollen zusätzlich als Unterstreichung der bereits in Kapitel 4.1.1.2 aufgestellten Thesen zur Kennzahlenkonstruktion verstanden werden. Die Folge davon ist, daß die Analyse der Verwertung der originären Produktionsfaktoren nicht als vordergründig angesehen werden soll.

Der nächste zu berücksichtigende Punkt ist das Verhältnis der steuerlichen Buchführung zur betrieblichen Buchführung. Die Buchführung, die i.d.R. für das Finanzamt angefertigt wird und deren Daten in die Buchführungsergebnisse einfließen, ist nicht in erster Linie zum Zweck der Betriebsanalyse geschaffen. Wichtige Sachverhalte bleiben oft unberücksichtigt. Beispielsweise könnte ein landwirtschaftlicher Betrieb "vergessen", Verkäufe an einen Betrieb, der nicht buchführungspflichtig ist und keiner steuerlichen Buchführung unterliegt, in der eigenen Buchführung aufzuführen. Die in der steuerlichen Buchführung ausgewiesenen Erträge würden also geringer erscheinen, als sie tatsächlich sind, während die Aufwendungen voll angerechnet würden. Der Betrieb würde also für diesen Fall in der Realität ein besseres Ergebnis erwirtschaften, als in der Buchführung ausgewiesen.

Eine Analyse aufgrund der Buchführungsergebnisse hinsichtlich der Stabilität und Liquidität eines landwirtschaftlichen Betriebes sind so gut wie unmöglich. Bezüglich der Liquidität werden keine entsprechenden Kennzahlen ausgewiesen, die eine nutzenbringende Aussage zulassen würden (vgl. Kapitel 4.4.1). Die Analyse bezüglich der Stabilität wird oft erschwert, da z.B. echter landwirtschaftlicher Gewinn entnommen sein kann. Oft fließen solche entnommenen Gewinne in Eigenheime oder andere Geldanlagen der Unternehmerfamilie. Einkünfte aus diesen Kapitalanlagen werden aber nicht wieder im landwirtschaftlichen Betrieb, sprich in der landwirtschaftlichen Buchführung, auftauchen. Das heißt, ein landwirtschaftlicher Betrieb, der in der Realität gesund ist und einen ordentlichen Gewinn erwirtschaftet, kann, zumindest unter den Gesichtspunkten der Buchführung, schlecht dastehen.

Unter steuerlichen Gesichtspunkten handelt der landwirtschaftliche Unternehmer sinnvoll, der seine privaten Kapitalanlagen, beispielsweise ein Eigenheim, über Eigenkapital finanziert und das dem landwirtschaftlichen Betrieb nun fehlende Eigenkapital durch Fremdkapital ersetzt. Dies ist unter steuerlichem Aspekt eine durchaus vernünftige Handlung, da der Einsatz von Fremdkapital gewinnmindernd wirkt. Die Analyse der Stabilität mit einigen typischen Stabilitätskennzahlen, z.B. der Anteil des Fremdkapitals am Gesamtkapital, würde nun eine potentielle Gefahr für diesen Betrieb signalisieren, da in der Tat der Fremdkapitalanteil am Gesamtkapital relativ hoch ist. Unberücksichtigt aber bleibt, daß dieser Fremdkapitalanteil künstlich geschaffen wurde, da ja das Eigenkapital aus dem landwirtschaftlichen Betrieb abgezogen wurde. In der Realität steht also dieser Betrieb hinsichtlich der Stabilität wesentlich gesünder da, als ihn die Buchführung ausweist.

Aus dem bisher Gesagten ist abzuleiten, daß grundsätzlich die Analyse eines landwirtschaftlichen Betriebes lediglich Aussagen zur Rentabilität, also bezüglich der bereits erwähnten technischen und wirtschaftlichen Effizienz der Betriebsführung, machen kann. Es sei daher nochmals betont, daß eine Analyse des landwirtschaftlichen Betriebs und nicht des Unternehmens im Vordergrund steht. Hier wiederum ist der traditionelle Betriebsansatz der Ansatz der Wahl. Das heißt, es ist prinzipiell von einem pacht- und fremdkapitalfreien landwirtschaftlichen Betrieb auszugehen, um eine bessere Vergleichbarkeit herzustellen. Der in letzter Zeit insbesondere im Rahmen des Agrarberichts favorisierte Unternehmensansatz birgt insgesamt eine größere Problematik als dieser "traditionelle" Betriebsansatz, wenngleich der Unternehmensansatz für die Fragestellung des Agrarberichtes besser geeignet ist.

Die erste zu analysierende Kennzahl im Rahmen eines Betriebsvergleiches mit der hier unterstellten Zielsetzung, ist also nicht der Gewinn des landwirtschaftlichen Betriebes, sondern eine Kennzahl, die die oben geschilderte Problematik gebührend berücksichtigt. In diesem Zusammenhang bietet sich, ausgehend von der Untersuchung der Nettowertschöpfung, eine umfassende Wertschöpfungsanalyse an (vgl. Kapitel 5.2.2.3, S.180 ff.). Hierbei kann und sollte allerdings etwas weiter gegangen werden, als der Betriebsansatz es eigentlich vorsieht, denn die Situation bezüglich der Fremdkapitalbelastung eines Betriebes beispielsweise kann durchaus einen maßgeblichen Beurteilungsfaktor darstellen. Die Nettowertschöpfung bietet einerseits den Vorteil, um Größen wie Aufwendungen für u.a. Zinsen und Pachten bereinigt zu sein, zum anderen aber ist sie nach gerade diesen Größen aufspaltbar. Damit wird ein realistischeres Bild auch in den Bereichen vermittelt, die bei dem Betriebsansatz sonst keine Berücksichtigung finden. Die Nettowertschöpfung kann also nicht nur als Beurteilungsmaßstab der Betriebsanalyse im engeren Sinne verwendet werden, sondern läßt gleichzeitig eine Beurteilung der tatsächlichen Unternehmenssituation zu.

Bei der Betriebsanalyse ist weiterhin zu berücksichtigen, daß es ausgesprochen schwierig ist, verschiedene Betriebszweige zu vergleichen, da hierfür Daten in den Buchführungsergebnissen grundsätzlich nicht in ausreichender Form vorliegen. Eine Ausnahme besteht, wenn der landwirtschaftliche Betrieb nur über einen einzigen Betriebszweig verfügt. Dieser Fall ist in der Realität freilich nur selten anzutreffen.

Um auf die Analyse der technischen und wirtschaftlichen Effizienz zurückzukommen, soll als nächstes geklärt werden, was die maßgeblichen Einflußfaktoren auf diese Effizienz sein können. Unterschiede bei verschiedenen Betrieben hinsichtlich der wirtschaftlichen Effizienz sind zum einen auf Preis-, zum anderen auf Mengenschwankungen zurückzuführen.

Aussagen über die Mengenschwankungen lassen sich durch die Analyse des Kombinations-, Beschäftigungs- und des Effizienzeffektes machen.

Ersterer dokumentiert die mehr oder weniger effiziente Kombination der eingesetzten Produktionsfaktoren (vgl. KUHLMANN, 1990b, S.40). Dabei steht die gleiche Wertgrenzproduktivität von Boden, Kapital und Arbeit im Vordergrund. Ist diese Wertgrenzproduktivität bei allen der genannten Faktoren gleich, befindet sich der landwirtschaftliche Betrieb hinsichtlich des Kombinationseffektes zu dem betrachteten Zeitpunkt in einem optimalen Gleichgewicht. Eine zusätzlich eingesetzte Geldeinheit für einen jeden der Produktionsfaktoren würde die gleiche Anzahl Geldeinheiten an Gewinnbeitrag erbringen. Mit andern Worten: Eine Ausweitung des Bodens um eine Geldeinheit würde keinen höheren Gewinnbeitrag erbringen als die Ausweitung der eingesetzten Arbeit oder des Kapitals um jeweils eine Geldeinheit.

Der Beschäftigungseffekt (oder Kapazitätseffekt, vgl. KUHLMANN, 1990b, S.40) meint die Auslastung der Kapazität; bezieht also eine noch zu definierende Erfolgsgröße auf die Flächenausstattung sowie auf die Ausstattung des Betriebes mit Arbeitskräften und Kapital.

Unter Effizienz ist das Verhältnis zwischen Input und Output zu verstehen. Hier werden mit Geld bewertete naturale Vorgänge betrachtet: Wie sieht beispielsweise die monetäre Futterverwertung, die monetäre Düngerverwertung oder die monetäre "Verwertung" von Pflanzenschutzmitteln in der Produktion landwirtschaftlicher Güter aus, kurz, in welchem Verhältnis stehen Aufwendungen und Erträge zueinander?

Die Bewertung all dieser genannten Effekte kann nunmehr relativ einfach nach Maßgabe der Buchführungsergebnisse erfolgen. Hier bleibt lediglich zu analysieren, ob der Kombinations-, Beschäftigungs- und Effizienzgrad des Analysebetriebes besser als die entsprechenden Größen der (möglichst erfolgreichen) Vergleichsbetriebe ausfallen. Dabei wird - wie eigentlich immer beim horizontalen Betriebsvergleich - stillschweigend unterstellt, daß die Daten der Vergleichsgruppe zumindest in der Nähe des Maximums dessen liegen, was unter gegebenen Bedingungen erreichbar ist. Dies gilt um so mehr, je erfolgreicher die zum Vergleich herangezogenen Betriebe ausgewiesen sind.

Neben dem Mengeneffekt spielt - wie bereits erwähnt - der Preiseffekt eine Rolle für den Betriebserfolg. Führte die Analyse der Kennzahlen hinsichtlich des Mengengerüstes des landwirtschaftlichen Betriebes zu keinem befriedigenden Ergebnis, ist dies darauf zurückzuführen, daß die Angaben in den Buchführungsergebnissen, bis auf ganz wenige Ausnahmen, immer Werte darstellen, d.h., also die Mengenschwankungen nicht eindeutig auszumachen sind, da sie durch Preisschwankungen überlagert sein können. Eine vernünftige Aussage zum Stand eines landwirtschaftlichen Betriebes läßt sich also ohne die Analyse der Preise nicht machen. Hier gilt wieder als Beurteilungskriterium das Abschneiden des Betriebes gegenüber beispielsweise den erfolgreichen Betrieben eines Vergleichsgebietes für eine bestimmte Betriebsform. Als größtes und gleichzeitg sehr leicht auszuräumendes Manko der Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe (zumindest in Hessen) bleibt hier anzumerken, daß keine Angaben zu Preisen über landwirtschaftliche Produktionsfaktoren in diesen Kennzahlen zu finden sind. Dies gilt sowohl für die verkürzte, veröffentlichte Form, als auch für die ausführliche Form mit 600 Kennzahlen (vgl. Anhang 3). Das bedeutet, daß die Analyse der Preise nur auf Basis der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, nicht aber auf Basis der landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren bzw. Vorleistung erfolgen kann. Hier, am konkreten Fall, wird der forschungsleitende Charakter deutlich, der der Entwicklung von Expertensystemen und Modellen innewohnt (vgl. WAGNER, 1990, S.232): Durch die Entwicklung eines Modells können Mängel, u.a. im Datenmaterial, aufgedeckt werden, die rein konzeptionellem Vorgehen vielleicht verborgen blieben.

4.4.1 Zur betrieblichen Zielfunktion von Unternehmen

Der Informationsbedarf, aus dem es die Aussagen des Betriebsvergleiches abzuleiten gilt, ist maßgeblich von den betrieblichen Unternehmenszielen abhängig.

In der klassischen Unternehmenstheorie werden alle betrieblichen Aktivitäten von einem Zweck geleitet: "der unbedingten Maximierung des kurzfristigen Gewinns bzw. der Minimierung des kurzfristigen Verlusts" (BIDLINGMAIER, 1980, Sp.2339). Die Literatur, die sich mit dieser These kritisch auseinandersetzt ist mannigfaltig (vgl. etwa HEINEN, 1966, S.28 ff. oder SCHWEITZER, 1988, S.31 ff.).

In der modernen Unternehmenstheorie haben sich in Bezug auf den Inhalt der Ziele bedeutsame Wandlungen vollzogen: "Die kurzfristige Gewinnmaximierung wird, den Erfordernissen weitsichtiger Unternehmensplanung Rechnung tragend, durch die langfristige Gewinnmaximierung ergänzt." Und weiter: "Neben das gewinnmaximale Prinzip treten gleichberechtigt andere metaökonomische oder ökonomische Zielvorstellungen. Es kommt zu Zielkombinationen, die sich gewöhnlich dadurch auszeichnen, daß die Gewinnkomponente zugunsten anderer Zielelemente eingeschränkt werden muß. Die Folge sind Gewinnlimitierung im Interesse der gleichzeitigen Erfüllung von Nebenbedingungen" (BIDLINGMAIER, 1980, Sp.2340).

Dessen weitgehend ungeachtet, unterstellt auch die maßgeblich an der neoklassischen Theorie orientierte landwirtschaftliche Betriebslehre, daß der landwirtschaftliche Unternehmer sich in seinem Entscheidungsprozeß von dem Imperativ der Gewinnmaximierung leiten lasse. Dies ist nicht unumstritten, hat aber, wie zu zeigen sein wird, auch gute und berechtigte Gründe.

Dennoch können auch Leiter landwirtschaftlicher Betriebe multiple und noch dazu variierende Zielfunktionen haben (vgl. HARSH et al., 1981, S.4). Diese Zielfunktionen stehen teilweise gleichberechtigt nebeneinander, teilweise sind sie hierarchisch gegliedert, bald besteht Zielkonkurrenz, bald Zielkomplementarität (zu Zielbeziehungen vgl. HEINEN, 1966, S.92 ff.). Die Zielfunktionen sind abhängig von der Betriebsorganisation (Familienbetrieb, Lohnbetrieb, Produktionsgenossenschaft, ...), vom jeweiligen Betriebsleiter und von anderen Faktoren, wie etwa dem Standort (bodenschonende Bodenbearbeitung auf moorigen Standorten gegenüber der Bodenbearbeitung auf einem auslaufenden Pachtbetrieb), der "Bewirtschaftungsüberzeugung" (konventionell gegenüber "biologischer" Bewirtschaftung) und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Mithin kommt der Zielfunktion "Gewinnmaximierung" tatsächlich nicht in jedem Fall die ihr oft zugeschriebene Rolle zu. Zusätzlich erschwert wird die Betrachtung, berücksichtigt man die verschiedenen Zeithorizonte bei der Definition der Unternehmensziele (des Unternehmensziels). Hier kann zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Perspektiven unterschieden werden (vgl. dazu ausführlicher HEINEN, 1966, S.85 ff.)

Neben der Maximierung des Gewinns gibt es also eine ganze Reihe anderer Unternehmensziele, die je nach Autor und Schule formuliert werden. HEINEN (1966, S.39) beispielsweise nennt folgende, in empirischen Untersuchungen gewonnene Unternehmensziele (geordnet nach Rangwert):

WISSENBACH (1967, S.168) nennt ähnliche Ziele, erweitert aber die Liste um einige Items wie: Streben nach

Solche Ziele werden aus der weiteren Betrachtung ausgeklammert, da sie entweder nicht zu quantifizieren oder der Zielerreichungsgrad aus vorhandenem Datenmaterial nur unzulänglich zu überprüfen ist.

In der jüngeren Literatur wird häufig der Zielbegriff allgemeiner und der Unternehmensbegriff enger gefaßt. Dies findet seinen Ausdruck etwa bei SCHWEITZER (1988, S.35): "Das Wirtschaften in Betrieben ist ein Aufgaben- oder Problembereich, der als Erkenntnisgegenstand einen schichtspezifischen Aspekt realer Problemstellungen in diesem Sozialgebilde einfängt. Zur Herleitung dieses Erkenntnisgegenstandes bedarf es eines präzisen Kriteriums bzw. Prinzips. Dieses Prinzip ist das Ergiebigkeitsprinzip. ... Es kann davon ausgegangen werden, daß das Ergiebigkeitsprinzip eine Ausprägung des allgemeinen Rationalprinzips darstellt." Als Handlungsvorschrift für die optimale Erfüllung eines vorgegebenen Zielsystems nach Maßgabe des Rationalprinzips definiert SCHWEITZER (1988, S.36):

"Entscheide in Betrieben stets so, daß mit den vorhandenen knappen Mitteln (Gütern) optimale Ausprägungen der gesetzten Ziele erreicht werden!"

Für die Betriebswirtschaftslehre unterscheidet er dann schwerpunktmäßig in wirtschaftliche, soziale, materiale und ökologische Zielarten bzw. -klassen. Die wirtschaftlichen Ziele werden unterteilt in absolute Wirtschaftlichkeit und relative Wirtschaftlichkeit. Absolute Wirtschaftlichkeit finde ihre Ausprägung in wertmäßiger Wirtschaftlichkeit (Ökonomität) und in mengenmäßiger Wirtschaftlichkeit (Technizität) (SCHWEITZER, 1988, S.37). Schließlich wird als Ausdruck der relativen Wirtschaftlichkeit die Rentabilität eingeführt, deren wichtigste Meßgrößen die Kapitalrentabilität (Erfolg/Kapital) und die Umsatzrentabilität (Erfolg/Umsatz) seien. Beide sind relativ einfach zu messende Größen. Für die Messung der sozialen, materialen und ökologischen Zielarten werden, wohl aus oben genannten Gründen der mangelnde Quantifizier- und Überprüfbarkeit, keine Vorschläge gemacht.

Trotz der vermeintlichen Komplexität der Formulierung eindeutiger Zielvorgaben, existieren, wie das Rationalitätsprinzip zeigt, allgemeinverbindliche Bedingungen, deren Erfüllung oberstes Prinzip eines jeden betrieblichen Wirtschaftens ist. Diese Bedingungen müssen unter einer längerfristigen Perspektive gesehen werden. In einer kurzfristigen Betrachtungsweise kann ein Verstoß gegen diese im folgenden erläuterten Bedingungen durchaus zielkonform sein.

Die optimale Erfüllung eines vorgegebenen Zielsystems nach Maßgabe des Rationalprinzips, unabhängig unter welchen Nebenbedingungen, ist langfristig nur und ausschließlich unter der Bedingung der "Gesunderhaltung" der eingesetzten Produktionsfaktoren zu erreichen. Der Begriff der "Gesunderhaltung" ist in diesem Zusammenhang erläuterungsbedürftig.

Gesunderhaltung des Produktionsfaktors Kapital bedeutet die Erhaltung der Einsatzbereitschaft von Gebäuden und Maschinen, der Lagerprodukte, mithin aller für den Produktionsprozeß benötigten Inputs. Dies findet beispielsweise Ausprägung in den Reparaturkosten für Maschinen oder Gebäude. Wer gegen das Prinzip der Gesunderhaltung verstößt, hat höhere Aufwendungen in diesem Bereich und somit eine niedrigere Effizienz.

Gesunderhaltung des Produktionsfaktors Boden bedeutet die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, etwa durch schonende Bodenbehandlung. Dies findet beispielsweise Ausprägung in den Aufwendungen für Bodenbearbeitung oder den erwirtschafteten Erträgen. Wer hier gegen das Prinzip der Gesunderhaltung verstößt, hat höhere Aufwendungen bzw. niedrigere Erträge und somit eine niedrigere Effizienz.

Gesunderhaltung des Produktionsfaktors Arbeit bedeutet beispielsweise die Erreichung niedriger Ausfallzeiten und die Aufrechterhaltung der Motivation der Arbeitenden. Wer hiergegen verstößt, muß mit höheren Aufwendungen für Aushilfskräfte oder niedrigeren Erträgen durch schlecht oder nicht ausgeführte Arbeiten rechnen. Dies bewirkt letzten Endes eine niedrigere Effizienz.

Was ist daraus abzuleiten?

Wer gegen das Prinzip der Gesunderhaltung verstößt, bringt sich in eine ungünstigere Lage als derjenige, der dies nicht tut. Sein Unternehmen wird es mithin vergleichsweise schwerer haben zu überleben.

Als Ziel wird der letzte Zweck wirtschaftlichen Handelns definiert (MÜLLER-MERBACH, 1987, S.1012). Wenngleich das Überleben eines Unternehmens weder in der klassischen noch in der jüngeren Literatur als Unternehmensziel genannt wird, so ist es doch allererste Voraussetzung für die Verwirklichung von Zielen. Wenn dies unwidersprochen bleibt, kann dann nicht das Überleben selbst als Ziel definiert werden? Dieser an sich reizvolle Gedanke soll allerdings hier nicht weiterverfolgt werden, denn selbst wenn das Überleben eines Unternehmens als dessen oberstes Ziel definiert würde, wäre die Überprüfung des Zielerreichungsgrades eine eher triviale Angelegenheit und weiter nicht sachdienlich. Mit anderen Worten, die Messung dieses Parameters ist überflüssig. Was aber kann anstelle dessen gemessen werden?

Unter kurzfristigen Aspekten ist die Aufrechterhaltung der Liquidität für das Überleben unabdingbar. Eine Überprüfung der Liquidität im Rahmen des Betriebsvergleiches erübrigt sich allerdings. Erstens ist ein Unternehmen, das illiquide geworden ist, ohnehin nicht mehr als Analysebetrieb vorhanden, der Vergleich also obsolet. Zweitens ist die retrospektive Betrachtung der Liquidität, abgesehen davon, daß das dem Betriebsvergleich zugrunde liegende Datenmaterial dafür kaum geeignet ist (vgl. GRÄFER, 1988, S.100 ff.), wenig aussagekräftig.

Ein sehr geeignetes Maß auf langfristige Sicht ist der Return on Investment (ROI(18)) bzw. die Eigenkapitalverzinsung, die mindestens über der Inflationsrate und nicht unter der in der Branche bzw. Volkswirtschaft erreichten Eigenkapitalverzinsung(19) liegen darf. Die Vorzüglichkeit dieses Maßstabs ergibt sich dadurch, daß selbst, wenn das Unternehmen von dem in der klassischen Unternehmenstheorie als Extremalziel angesehenen kurzfristigen Gewinnmaximierung abrückt, es doch den genannten Bedingungen zur Höhe der Eigenkapitalrentabilität folgen muß. Anderenfalls liefe das Unternehmen Gefahr, gewissermaßen im "Dornröschenschlaf" von den Konkurrenten überholt zu werden, eine Tatsache, die spätenstens seit Adam SMITH (1974, S.50 ff.) allgemein anerkannt ist. Obwohl in den meisten kapitalbezogenen Unternehmen das Extremalziel der Gewinnmaximierung vorherrscht und dieses Gewinnziel noch stärker in personenbezogenen Unternehmen dominiert (vgl. KUHLMANN, 1978, S.116), eine Aussage, die somit in besonderem Maße für landwirtschaftliche Unternehmen zutrifft, scheint die Gewinnmaximierung, erst recht als absolute Größe, nicht der beste Maßstab für einen Betriebsvergleich zu sein.

Es verbleibt also die Analyse der Rentabilität, mithin der monetären Effizienz(20), der das Wirtschaften des Unternehmens unterliegt.

Das Ziel der langfristigen Gewinnmaximierung, unter welchen Nebenbedingungen auch immer, kann ohne weiteres und ohne Abstriche so verstanden werden, daß die Effizienzmaximierung als das Mittel zur Zielerreichung anzusehen ist. Effizienzmaximierung soll hier als Maximierung der Prozeßeffizienz und Struktureffizienz (die Begriffe wurden bereits in Kapitel 4.1.1.2, eingeführt) verstanden werden. Die jeweiligen Meßkriterien dafür, deren Vorteilhaftigkeit auch darin besteht, meßbar zu sein, werden in der Beschreibung des Modells dargelegt.

Gleichzeitig kann damit die Effizienzmaximierung im weiteren Sinne als Imperativ der Unternehmensziele angesehen werden, sichert doch eine effiziente Wirtschaftsweise auch das Überleben des Unternehmens (dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß die Maximierung der Effizienz im engeren Sinne eigentlich nur ein meßbares Mittel zur Zielerreichung darstellt). Daß ein Streben nach größtmöglicher und nicht etwa nach geringerer Effizienz das Unternehmensziel schlechthin bedeutet, wird durch andauernde und fortschreitende Rationalisierungseffekte (= Erhöhung der Effizienz in allen Wirtschaftsbereichen) unterstrichen.

Diese hier abgeleitete These hat ihre Vorteile darin, daß sie zum einen m.E. nur wenige Berührungspunkte mit der leidigen Diskussion um Unternehmensziele aufweist, zum anderen aber Variablen als Maßstab zu definieren in der Lage ist, die meßbar und operational sind.

Die Diskussion um die Zielsetzung von Unternehmen soll mit einem Zitat von SCHNEIDER(21) (zitiert in KUHLMANN, 1971, S.4) in Hinblick auf das entwickelte Instrument zum horizontalen Betriebsvergleich abgeschlossen werden. Gleichzeitig soll dieses Zitat die Abwendung von dem Versuch, die in der modernen Unternehmenstheorie aufgestellten Zielpluralitäten messen zu wollen, aus anderer Sichtweise beleuchten: "Die Aussage, ein Entscheidungsmodell entspreche schon deshalb nicht der Wirklichkeit, weil Unternehmer praktisch nicht so handelten, mag für den Mikroökonomen wesentlich sein, für den Betriebswirt ist sie es nicht, denn Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre als Theorie der Unternehmenspolitik ist es nicht, zu erklären, warum die Unternehmer so handeln, sondern zu zeigen, wie sie bei vorgegebenen Zielsetzungen hätten handeln müssen". Und weiter: "Wer Wirtschaftspolitik betreiben will, muß wissen, wie die Unternehmer tatsächlich handeln, wer Unternehmenspolitik betreiben will, den interessiert das wirtschaftlich richtige Verhalten in Hinblick auf ein angestrebtes Ziel."

Letztlich darf, unabhängig von obiger Diskussion, der Anlaß für eben diese nicht aus den Augen verloren werden: Der Ausgangspunkt liegt in der These begründet, daß lediglich Betriebe gleicher Zielsetzung, mithin gleichen Zielsystems, vergleichbar sind. Für diese Arbeit wird unterstellt, daß zumindest die landwirtschaftlichen Betriebe, die mit ihren Buchführungsdaten in den FARMEXPERT als externe Datengrundlage dienenden Buchführungsstatistiken erfaßt sind, dem gleichen Zielsystem folgen, nämlich effizient zu wirtschaften. Dieses Zielsystem wurde im vorliegenden Kapitel abgeleitet, die Richtigkeit der These versucht argumentativ zu untermauern.

Für den mit FARMEXPERT untersuchten Analysebetrieb kann der Vergleich also nur statthaft sein, wenn auch er sich mit dem beschriebenen Zielsystem identifizieren kann.

Die verwendeten Kennzahlen in FARMEXPERT dürfen allerdings nicht so verstanden werden, als würden sie ausschließlich den Erreichungsgrad nur eines unternehmerischen Zielsystems abbilden können. Vielmehr sind sie ein Hilfsmittel zur Analyse der Effizienz, mit der im Analysebetrieb gewirtschaftet wird.

Betriebe, deren Zielfunktion der Effizienzmaximierung durch gewisse Nebenbedingungen beinträchtigt wird, können lediglich aufgrund des derzeit verwendeten Datenmaterials nicht mit FARMEXPERT untersucht werden. Steht hingegen Datenmaterial von Betrieben zur Verfügung, die sich gleichen Einschränkungen unterwerfen, etwa Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel, ist eine Analyse uneingeschränkt zulässig, denn auch solche Betriebe streben prinzipiell nach bestmöglicher Effizienz in dem für sie zulässigen Rahmen. Auch hier ist SCHNEIDER zu folgen, der anmerkt: "Und ich kann mir nicht vorstellen, daß selbst ein fauler(22) Unternehmer, vor die Wahl gestellt, zwischen drei mit dem gleichen Risiko und gleichem Arbeitseinsatz behafteten Investitionen zu wählen, sich nicht für die lukrativste (also ökonomisch effizienteste, Anm. d. Verfassers) entscheidet" (zitiert in KUHLMANN, 1971, S.4).


Fußnoten:

(7) Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden die Begriffe 'Bilanz' und 'Bilanzanalyse' durchgängig synonym zu 'Jahresabschluß' und 'Jahresabschlußanalyse' verwendet.
(8) HAUSCHILDT bezieht sich hierbei auf: WINKLER, W., Die statistischen Verhältniszahlen, Leipzig und Wien 1923
(9) Die Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe der verschiedenen Bundesländer werden analog den hessischen Buchführungsergebnissen (HESS. LANDESAMT ..., 1990) meist von den betreffenden Landwirtschaftskammern bzw. Landesämtern periodisch veröffentlicht.
(10) Dieses Vorgehen ist nicht nur für die Buchführungsergebnisse charakteristisch. Bei KIMME (1981, S.99 ff.), der einen umfassenden Überblick über Betriebsvergleiche in den Agrarwissenschaften gibt, ist keine einzige Analyse zu finden, die sich, von ganz wenigen Kennzahlen abgesehen, nicht auch wieder auf die Techniken der Kennzahlenkonstruktion der Buchführungsergebnisse bezieht.
(11) Die Aufgliederung von Effizienzfragen nach "Prozeß" und "Struktur" ist von ihrem Prinzip her an sich keinesfalls neu. Bereits 1901 unterschied AEREBOE zwischen "Rentabilitätsfragen der Betriebsorganisation" (AEREBOE, 1901, S.1 ff.) und "Rentabilitätsfragen der laufenden Betriebsführung" (AEREBOE, 1901, S.57 ff.).
(12) Eine Erläuterung der Einteilung von landwirtschaftlichen Betrieben nach verschiedenen Betriebsformen und -typen sowie in E-, M- und W-Betriebe erfolgt in Kapitel 5.1.2.1.1.1 und 5.1.2.1.1.3
(13) Die hier geforderte simultane Betrachtung entspricht eher einem Idealmodell als der Realität. Selbst ein Expertensystem ist durch die heute gebräuchliche Computer- und Softwaretechnologie nur zu einer sequentiellen Betrachtungsweise fähig. Dennoch, und das ist der eigentlich wichtige Punkt, kann durch ein entsprechendes Regelwerk gewährleistet werden, daß alle relevanten Einflußgrößen in gegenseitiger Abhängigkeit beurteilt werden.
(14) Für die Ermittlung der Eigenkapitalrentabilität im Sektor Landwirtschaft ist von dem Gewinn noch der Lohnansatz zu subtrahieren, soll diese Kennzahl mit den Eigenkapitalrentabilitäten anderer Wirtschaftszweige verglichen werden (vgl. SEUSTER, 1984, S. 9ff.).
(15) MELLEROWICZ, K. und JONAS, H., Bestimmungsfaktoren der Kreditfähigkeit, Berlin 1957.
(16) Für die Ermittlung der Gesamtkapitalrentabilität im Sektor Landwirtschaft ist von dem Gewinn noch der Lohnansatz zu subtrahieren, soll diese Kennzahl mit den Gesamtkapitalrentabilitäten anderer Wirtschaftszweige verglichen werden.
(17) Vereinzelt findet sich in der Literatur auch eine Definition der Gesamtkapitalrentabilität, die im Zähler keine Fremdkapitalzinsen berücksichtigt. Gegen eine derartige Definition sprechen mehrere Gründe. Zum einen hat sich für diese Kennzahl der Begriff Return on Investment eingebürgert, zum anderen soll die Kennzahl der Gesamtkapitalrentabilität gerade die Leistungsfähigkeit des gesamten eingesetzten Kapitals ausdrücken. Sie muß daher den Betrag im Zähler berücksichtigen, der vom gesamten Kapital erwirtschaftet wurde: Den Gewinn und die Fremdkapitalzinsen. Diese Überlegung liegt prinzipiell auch der Wertschöpfungsrechnung zugrunde, die die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens an den Beträgen mißt, die allen am Unternehmen beteiligten oder partizipierenden Gruppen zufließen.
(18) Die Kennzahl ROI kann sich sowohl auf die Verzinsung des eingesetzten Eigen- als auch Gesamtkapitals beziehen (vgl. STÄHLE, 1969, S.71). Wird der Bezug zum eingesetzten Gesamtkapital geknüpft, bleibt beim ROI, im Gegensatz zur Gesamtkapitalrentabilität, der Zinsaufwand unberücksichtigt.
(19) Allein der Umstand daß viele (landwirtschaftliche) Unternehmen mit einer Eigenkapitalverzinsung operieren, die unter den durchschnittlichen Kapitalmarktzinsen liegt, also theoretisch unter ökonomischen Gesichtspunkten falsch handeln, ist ein Indiz dafür, daß die Erklärung der kurzfristigen Gewinnmaximierung als oberstes Unternehmensziel zumindest fragwürdig ist.
(20) Wird weiterhin vereinfacht von Effizienz gesprochen, ist doch immer die monetäre Effizienz gemeint.
(21) SCHNEIDER, D., Investition und Finanzierung, Köln und Opladen 1970
(22) Der Begriff des 'faulen' Unternehmers ist m. E. ohne weiteres durch den, im diesem Kontext besser passenden, des Unternehmers 'der sich (freiwillig) bestimmten Auflagen unterwirft' zu ersetzen. Dabei darf allerdings die negative Vorbesetzung des Begriffs 'faul' nicht übernommen werden.


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