5 KONZEPT UND REALISATION DES COMPUTERMODELLS FARMEXPERT

5.1 Die Konzeption von FARMEXPERT

FARMEXPERT ist konzipiert, landwirtschaftliche Betriebe mittels horizontalem Betriebsvergleich anhand von Referenzdaten, beispielsweise den Buchführungsergebnissen erfolgreicher landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen (HESS. LANDESAMT ..., 1990) oder Abschlüsse von Betrieben aus Beratungsringen, hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Lage zu analysieren und zu bewerten, sowie basierend auf diesen Ergebnissen Empfehlungen für Verbesserungen zu geben. Es sei an dieser Stelle nochmals hervorgehoben, daß im Vordergrund der Analyse die technisch-ökonomische Effizienz des landwirtschaftlichen Betriebes steht; jede Verflechtung des Betriebes mit dem Unternehmerhaushalt bleibt unberücksichtigt.

FARMEXPERT besteht aus zwei wesentlichen Komponenten,

Sowohl das Regelwerk als auch die Datenbasis werden weiter unten ausführlicher beschrieben.

Neben den Regeln als Teil der Wissensbasis von FARMEXPERT stellen die Buchführungsergebnisse die zweite Komponente des "Wissens" dar. Während das Regelwerk das Wissen über Art und Durchführung der Analyse stellt, liefert die externe Datenbasis den Vergleichsmaßstab, an dem der jeweilige Analysebetrieb gemessen wird.

Durch diese exakte Trennung wird dreierlei erreicht:

1. Der Vergleichsmaßstab muß nicht in das Regelwerk integriert werden, das erleichtert Änderungen und die Aktualisierung der Wissensbasis.

2. Eine Fixierung fester Bewertungskriterien kann umgangen werden. Solche Kriterien hätten den Nachteil, daß sie durch externe Einflüsse, wie unter 3. beschrieben, ihre Gültigkeit verlieren könnten.

3. Störeinflüsse, die nicht im Einflußbereich des Betriebsleiters liegen, wie Inflation/Deflation und Preisschwankungen auf Faktor- und Produktmärkten werden weitgehend eliminiert, weil alle Betriebe diesen Einflüssen in gleichem Maße unterliegen. Des weiteren werden durch die noch darzustellende Wahl einer geeigneten Vergleichsbetriebsgruppe andere, das Betriebsergebnis ebenfalls prägende Faktoren, wie Wetterschwankungen, Produktionsschwerpunkte, Standortvor- bzw. -nachteile, abgeschwächt.

5.1.1 Die Wahl des horizontalen Betriebsvergleiches als Grundlage der Unternehmensbeurteilung

Für Unternehmen im allgemeinen und landwirtschaftliche Betriebe im speziellen existieren eine Reihe von Möglichkeiten vergleichender ökonomischer Analysen. Diese Möglichkeiten wurden bereits in Kapitel 4.2.1 angedeutet.

Der methodische Hintergrund von FARMEXPERT beruht auf dem Konzept des horizontalen Betriebsvergleichs. Dieser Ansatz bietet eine Reihe von Vorzügen, die andere Methoden nicht aufweisen können.

Einen wesentlichen Schwachpunkt des Zeit- oder vertikalen Vergleichs beschreibt SCHMALENBACH (1934, S.263): "Wenn in ... (einem Betrieb, Anm. d. Verf.) sich schon seit jeher, vielleicht infolge von Überalterung, ein gewisser Schlendrian breitmacht, so vergleicht der Zeitvergleich Schlendrian mit Schlendrian; er wird auf diese Weise dessen nicht gewahr."

Den Vorteil des horizontalen Betriebsvergleichs veranschaulicht derselbe Autor in diesem Zusammenhang an gleicher Stelle: "Wenn aber der Betriebsvergleich Zahlen anderer Betriebe beibringen kann, in denen ein frischer Wind weht, dann kann der Schlendrian sich nicht länger verbergen."

Warum darüber hinaus der horizontale Vergleich als Vergleichsmaßstab vorzüglich ist, fand bereits in Kapitel 4.4.1 Erörterung.

Der horizontale Betriebsvergleich ist somit am ehesten geeignet, als erster Schritt zur Beurteilung eines Unternehmens zu dienen. Er entspricht alleine allerdings noch nicht - wie bereits erwähnt - der Idealform, wie bei der Vorstellung FARMEXPERTs am Beispiel deutlich werden wird. Um sich dieser theoretisch vorstellbaren Idealform anzunähern, müßte der horizontale Betriebsvergleich mit dem Zeitvergleich und eventuell einem SOLL-IST-Vergleich (vgl. Kapitel 4.2.2.4) kombiniert werden. Darüber hinaus wären im landwirtschaftlichen Bereich Änderungen bei der Erhebung der Buchführungsdaten erforderlich, exemplarisch sei die bereits erwähnte Dokumentation der Betriebsmittelpreise genannt, weiterhin wäre eine Erfassung der Buchführungsdaten nach Kostenstellen einem Betriebsvergleich dienlich. Die erstgenannten Anforderungen könnten durch einen Ausbau des vorliegenden Systems erfüllt werden, die letztgenannten beispielsweise durch eine andere externe Datengrundlage, etwa Daten von Betrieben in einem Beratungsring. Erst so wäre eine vergleichende Analyse verschiedener Betriebszweige durchführbar.

Dennoch ist es auf Basis der ausschließlichen Verwendung des horizontalen Betriebsvergleiches möglich

5.1.2 Datengrundlage des Vergleichs

5.1.2.1 Externe Datengrundlage

5.1.2.1.1 Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen

Als externe Datengrundlage FARMEXPERTs dienen die Buchführungsergebnisse landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen, sie stellen die Daten der Vergleichsbetriebe bereit, an denen der jeweilige Analysebetrieb gemessen wird. Sie werden im Jahresrhythmus in einer 134 Kennzahlen umfassenden Kurzform veröffentlicht (HESS. LANDESAMT ..., 1990). Die ausführlichen Buchführungsergebnisse bestehen aus 600 Kennzahlen, die sowohl Auskunft über das Mengen- und Preisgerüst als auch über die ökonomische Situation der erfaßten Betriebe geben. Die externe Datenbasis für FARMEXPERT bildet eine Untermenge dieser 600 Kennzahlen. Diese Kennzahlen sind im Anhang 3 dokumentiert; sie bilden die Grundlage der Berechnungen der in FARMEXPERT verwendeten Kenngrößen. Für den Beispiellauf werden die Kennzahlen des Wirtschaftsjahres 1988/89 nach den Daten von 1506 hessischen Haupterwerbsbetrieben herangezogen.

Die Buchführungsergebnisse sind nach verschiedenen Kriterien gegliedert. Das erste Gliederungsmerkmal unterteilt die Grundgesamtheit der erfaßten Betriebe in Haupt- und Nebenerwerb. Die Ergebnisse der Nebenerwerbsbetriebe sind für die in dieser Arbeit verfolgten Ziele nicht von primärem Interesse; die folgenden Aussagen gelten somit nur für die Haupterwerbsbetriebe.

Die 1506 erfaßten Haupterwerbsbetriebe werden zur Darstellung ihrer Ergebnisse nach folgenden Kriterien gruppiert (vgl. HESS. LANDESAMT ..., 1990, S.I):

Die Unterteilungsmerkmale, die für FARMEXPERT Verwendung finden, sind kursiv hervorgehoben und werden in den nächsten drei Unterpunkten näher beschrieben.

Eine Begründung für die Wahl dieser Unterteilung findet sich am Ende des Kapitels 5.1.2.1.1.3.

5.1.2.1.1.1 Untergliederung nach Betriebsformen, -arten und -typen

Die Untergliederung landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen erfolgt nach Maßgabe der Betriebssystematik, deren Stufenaufbau in Abbildung 26 gezeigt ist. Die Darstellungsgesamtheit wird in die Betriebsbereiche Landwirtschaft, Gartenbau, Forstwirtschaft und in Kombinationsbetriebe unterteilt. Im folgenden ist ausschließlich der Betriebsbereich Landwirtschaft von Interesse. Auf der nächsttieferen Stufe der Betriebsformen wird die Gliederung in Marktfrucht-, Futterbau-, Veredlungs-, Dauerkultur- und Gemischtbetriebe vollzogen, um auf Stufe III in die verschiedenen Betriebsarten und schließlich in Betriebstypen (Stufe IV) zu münden. Für die Ziele der vorliegenden Arbeit wäre für die externe Datenbasis eine Gliederung der Buchführungsergebnisse auf Stufe IV nach Vergleichsgebieten und der Streubreite des Betriebserfolges wünschenswert, aufgrund der zur Verfügung stehenden Daten kann die Tiefe der Gliederung nur bis zur Stufe II, den Betriebsformen, erfolgen. Auf dieser Ebene spielen die Dauerkulturbetriebe praktisch keine Rolle, für sie sind in den Büchführungsergebnissen auch keine Werte ausgewiesen. In die Datenbasis von FARMEXPERT finden somit lediglich die Ergebnisse der Marktfrucht-, Futterbau-, Veredlungs- und Gemischtbetriebe eingang.

Die Betriebsformen, -arten und -typen werden nach dem Anteil des Standarddeckungsbeitrages (zur Definition vgl. HLBS, 1981, S.59 ff., zur Ermittlung vgl. KTBL, 1990), den die einzelnen Betriebszweige zum Gesamtstandarddeckungsbeitrag des Betriebes beisteuern, ermittelt. Das Vorgehen hierbei bis auf die Ebene der Betriebsformen sei anhand der Abbildung 27 erläutert.

Danach sind alle Betriebe, die mehr als 75 % des Geamtstandarddeckungsbeitrages aus der Landwirtschaft erzielen, landwirtschaftliche Betriebe. Erwirtschaften Betriebe jeweils mindestens 50 % ihres Standarddeckungsbeitrages aus der Produktion von Marktfrüchten, dem Futterbau oder der Veredlung, sind sie der Betriebsform Marktfrucht-, Futterbau- bzw. Veredlungsbetrieb zuzuordnen; lediglich wenn keine der drei

Aktivitäten 50 % erreicht, fallen diese Betriebe in die Gruppe der Gemischtbetriebe. Auf der Stufe der Betriebsformen sind mithin noch relativ inhomogene Betriebsstrukturen in den verschiedenen Gruppen vereint. Dies kommt um so mehr zum Tragen, wenn der Analysebetrieb gerade noch im Grenzbereich einzuordnen ist. Ein Beispiel möge das veranschaulichen: Ein Betrieb mit 200 ha LF, 60 Milchkühen und 700 Mastschweineplätzen wird bei einem großen Anteil von Marktfrüchten mit hohem Standarddeckungsbeitrag in der Fruchtfolge (etwa Zuckerrüben, Kartoffeln oder Winterweizen) genauso in die Gruppe der Marktfruchtbetriebe eingeordnet wie jeder reine Ackerbaubetrieb.

Daraus wird deutlich, warum eine Unterteilung der Datengrundlage nach Vergleichsgebieten und der Streubreite des Betriebserfolges auf Basis der Betriebstypen wünschenswert wäre. Dessen ungeachtet, besteht, wie bereits erwähnt, die Möglichkeit, FARMEXPERT andere, spezifischere Referenzdaten anzubieten, womit dieser Mangel einfach zu beseitigen ist. Einmal mehr erweist sich so die Trennung des Regelwerkes von der Datenbasis als vorteilhaft.

5.1.2.1.1.2 Untergliederung nach Vergleichsgebieten

Für die regionale Unterteilung ist Hessen in zehn Wirtschafts- oder Vergleichsgebiete mit annähernd gleichen Standortbedingungen unterteilt worden:
   1. Bergstraße, Dieburger Senke, Ried, Rheingau
   2. Wetterau, Rhein-Main-Gebiet
   3. Werragebiet
   4. Niederhessische Senke, Amöneburger Becken
   5. Rodgau, Limburger Becken
   6. Mittelhessisches Ackerbaugebiet, Fuldaer Becken
   7. Nordhessisches Ackerbaugebiet
   8. Südhessische Mittelgebirgslagen
   9. Nordwesthessische Mittelgebirgslagen
   10. Osthessische Mittelgebirgslagen
Zusätzlich werden die
   11. Benachteiligten Agrarzonen und die
   12. Kerngebiete der benachteiligten Agrarzonen
ausgewiesen. Die genaue Beschreibung und Abgrenzung dieser Gebiete ist im Anhang 5 zu finden, ebenso wie eine Übersichtskarte (Anhang 6).

5.1.2.1.1.3 Untergliederung nach der Streubreite des Betriebserfolgs

Die Streubereite wird in den Buchführungsergebnissen ausgewiesen, wenn eine Betriebsgruppe mindestens 20 Betriebe umfaßt:

E Erfolgreiche Betriebe Durchschnitt aus 25 % der Betriebe mit dem höchsten Wert in der Kennzahl Nr. 522
M Mittelwert Durchschnitt aller erfaßten Betriebe
W Weniger erfolgreiche Betriebe Durchschnitt aus 25 % der Betriebe mit dem niedrigsten Wert in der Kennzahl Nr. 522

Die Kennzahl Nr. 522 repräsentiert die Größe "zeitraumechter Gewinn zu nichtentlohnter Arbeit und Eigenkapital in Prozent". Dazu wird der zeitraumechte Gewinn (Differenz zwischen Zweckertrag und Zweckaufwand) in Beziehung gesetzt zu dem Lohnansatz für die Familienarbeitskräfte und dem Zinssatz (3.5 %(23)) für das eingesetzte Eigenkapital. Diese Kennzahl gibt Auskunft darüber, inwieweit der Gewinn den Lohnanspruch nichtentlohnter Familienarbeitskräfte und den Zinsanspruch des Eigenkapitals abdeckt. Eine ausführliche Definition dieser sowie aller anderen der verwendeteten Kennzahlen findet sich im Anhang 4.

Bevor im nächsten Punkt auf die Anforderungen an die betrieblichen Daten eingegangen wird, sollen hier noch die Gründe für die gewählte Art der Differenzierung der externen Datengrundlage dargelegt werden.

Um dem Hauptkritikpunkt des horizontalen Betriebsvergleiches zu entgehen, muß versucht werden, dem Analysebetrieb eine möglichst ähnliche Gruppe von Vergleichsbetrieben gegenüberzustellen. Dazu würde sich, wie bereits erwähnt, eine Abgrenzung nach Betriebstypen anbieten. Andererseits sollten auch die natürlichen Standortbedingungen(24) (Wetter- und Klimadaten) und regionale Gegebenheiten Berücksichtigung finden, so daß zusätzlich eine Unterteilung nach den Vergleichsgebieten angeraten scheint. Beide Gliederungsmerkmale zusammen werden allerdings in den Buchführungsstatistiken nicht ausgewiesen, u.a. aus dem Grund, weil die daraus resultierende Vielzahl von Gruppen zu gering besetzt wären, um noch eine Unterteilung nach der Streubreite des Betriebserfolges zuzulassen. Dies aber ist das wichtigste Differenzierungskriterium, sollen doch durch den Betriebsvergleich insbesondere die Schwachsstellen des Analysebertriebes aufgedeckt werden. Dazu sollte sich der zur Analyse anstehende Betrieb immer zuerst an den Ergebnissen der E-Betriebe orientieren, da diese mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst weniger Schwachstellen als alle anderen in der Büchführungsstatistik dokumentierten Betriebe aufweisen.

Die getroffene Unterteilung ist demzufolge ein Kompromiß aus theoretischen Anforderungen und praktischen Gegebenheiten, dem allerdings keine zu große Bedeutung beigemessen werden sollte, da es dem Benutzer FARMEXPERTS offensteht, bessere Referenzdaten zu definieren und zum Vergleich heranzuziehen.

5.1.2.1.2 Gestaltungsmöglichkeiten der externen Datengrundlage

Sollten die Daten aus der Buchführungsstatistik sich als ungeeignet für Vergleichszwecke erweisen, besteht die Möglichkeit, die Ergebnisse anderer Betriebe als Referenz zu definieren. Diese Daten müssen lediglich inhaltlich mit den für die Analyse FARMEXPERTs benötigten Kennzahlen konsistent sein. Die Definition dieser Zahlen ist im Anhang 2 ausgewiesen. Denkbar ist dies für Beratungsringe, die homogenere Betriebe aufweisen, oder "biologisch" wirtschaftende Betriebe. Es kann sich auch als sinnvoll erweisen, auf die Differenzierung nach Vergleichsgebieten zu verzichten, um eine Gliederung lediglich nach Betriebstypen und nach der Streubreite des Betriebserfolgs vorzunehmen. Diese Möglichkeit scheint insbesondere vor dem Hintergrund bedenkenswert, wenn ein bestimmter Betriebstyp ohnehin nur in gewissen Regionen vorherrscht, standortspezifische Besonderheiten also nicht so sehr ins Gewicht fallen. Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise würde auch hier in homogeneren Vergleichsgruppen und somit einer bessere Vergleichbarkeit mit dem Analysebetrieb bestehen.

5.1.2.2 Betriebliche Datengrundlage

Die vom Analysebetrieb bereitzustellende Datengrundlage orientiert sich eng an den Definitionen der Kennzahlen der Vergleichsbetriebe. Der wichtigste Unterschied besteht lediglich darin, daß die Werte - wo immer möglich - als absolute Größe anzugeben sind, also nicht, wie in den Büchführungsergebnissen landwirtschaftlicher Betrieb in Hessen, auf einen Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche umgerechnet werden müssen.

Die wesentliche Grundlage der Daten bilden Jahresabschluß, Preisstatistik, Mengenbuchhaltung, sowie Schlagkartei und andere auf naturale Größen bezogene Dokumentationen. Das benötigte Kennzahlengerüst des Analysebetriebes ist im Anhang 1 ausgewiesen.

5.2 Die Realisation von FARMEXPERT

5.2.1 Technische Beschreibung des Computermodells

FARMEXPERT ist als regelbasiertes Expertensystem mit dem ESBT VP-Expert (PAPERBACK SOFTWARE, 1987) entwickelt worden. Dieses Entwicklungswerkzeug erlaubt die wahlweise Anwendung der Vorwärts- und Rückwärtsverkettung, einfachen Zugriff zu externen Datenbanken (namentlich dBASE), die Einbindung eines kontextsensitiven Hilfesystems (Hypertext), arithmetische Rechenoperationen, einen modularen Aufbau der Regelbasis und ist bei nicht zu hohen Anforderungen an die Hardware (lauffähig auf PC/XT unter MS-DOS) hinreichend schnell. Nachteilig ist die fehlende Kompilierungsmöglichkeit des erstellten Regelwerkes, d.h., direkt ausführbare Programme können nicht erzeugt werden. Um das Expertensystem benutzen zu können, ist daher eine Laufzeit-Lizenz von VP-Expert notwendig. Dieser Nachteil überwog allerdings nicht die angeführten Vorteile. Insbesondere die arithmetischen Möglichkeiten von VP-Expert, die bis zur Berechnung von Exponentialfunktionen(25) reichen, waren zum Zeitpunkt der Festlegung auf ein ESBT bei fast keinem anderen Entwicklungswerkzeug zu finden. Zudem wies VP-Expert das günstigste Preis-Leistungs-Verhältnis auf (vgl. HARMON, 1987, S.66).

Die grundsätzliche Entscheidung, ein ESBT oder eine universellere Programmiersprache zu verwenden, fiel zugunsten eines Tools. Einerseits ist der Einarbeitungsaufwand erheblich geringer, zum anderen erschienen die gebotenen Möglichkeiten VP-Experts ausreichend. Darüber hinaus ist dies ein in der Literatur empfohlenes Vorgehen (vgl. WATERMAN, 1986, S. 190 und S. 150).

Das Regelwerk des Modells umfaßt etwa 700 Regeln, die größtenteils das Wissen um das "Wie" der Analyse beinhalten; einige wenige Regeln steuern das kontextsensitive Hilfesystem bzw. die Auswahl der für die Analyse benötigten Datensätze der jeweils zutreffenden Vergleichsbetriebsgruppe. Diese Regeln sind auf sechs Programm-Module verteilt, die in den folgenden Kapiteln anhand eines Beispiels Erläuterung finden.

Die Wissensakquisition für das Regelwerk verlief in erster Linie nach der in Kapitel 2.8.2.1 geschilderten Methode, wonach der Experte gleichzeitig als Wissensingenieur tätig war. Begleitend fanden drei Sitzungen zur Wissensakquisition und zur Kritik der bis dahin aufgestellten Prototypen mit einem Experten statt, so daß eigentlich von der weiter oben propagierten "Mischform" der Wissensakquisition gesprochen werden kann.

Enthalten die Regeln die Art und Weise des Vorgehens für die vergleichende Betriebsanalyse, werden die dazu benötigten Kennzahlen auf ganz normalem Wege durch arithmetische Operationen errechnet. Dieses duale Vorgehen macht FARMEXPERT von seiner Natur her zu einem hybriden System (vgl. Kapitel 2.4).

Neben dem Regelwerk steht, gleichsam als zweiter Teil der Wissensbasis, eine mit dBASE zu verwaltende Datenbank, die alle Kennzahlen der 49 Vergleichsbetriebsgruppen beherbergt. Dies sind 31 Gruppen weniger als die theoretisch maximale Menge (10 Vergleichsgebiete * 4 Betriebsformen * 2 Erfolgsmaßstäbe). Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, daß in den Buchführungsergebnissen landwirtschaftlicher Betriebe in Hessen, gegliedert nach Betriebsformen, Vergleichsgebieten und der Streubreite des Betriebserfolgs, lediglich die Vergleichsbetriebsgruppen der Betriebsformen Marktfrucht und Futterbau mit genügend Betrieben über alle Vergleichsgebiete besetzt ist. In der Datenbasis sind sowohl die E- als auch M-Betriebe ausgewiesen, insgesamt für diese beiden Betriebsformen für die zehn Vergleichsgebiete also 40 Datensätze. Für die Veredlungsbetriebe sind nur die Durchschnitte (Mittelwert aller Betriebe) für die Vergleichsgebiete 9 und 10 ausgewiesen, für die Gemischtbetriebe sind die Ergebnisse der M-Betriebe in den Regionen 2, 4, 5, 6 und 10 sowie die der E- und M-Betriebe für das Vergleichsgebiet 9 angegeben. Für die Veredlungs- und Gemischtbetriebe addieren sich damit 9 zusätzliche Datensätze zu einer Gesamtzahl von 49. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Daten eigener Referenzgruppen bzw. Referenzbetriebe einzugeben.

Ebenfalls als dBASE-Datenbank liegen die Werte des Analysebetriebes vor, die vor einer Sitzung mit dem eigentlichen Expertensystem eingegeben sein müssen.

Der Ablauf einer Sitzung vollzieht sich immer nach dem gleichen Muster. Zuerst sind die Daten des zu analysierenden Betriebes (Analysebetrieb) einzugeben. In einem zweiten Schritt, nach dem eigentlichen Aufruf von FARMEXPERT, werden sowohl die Daten des Analysebetriebes als auch die der dazu passenden Vergleichsbetriebsgruppe eingelesen, Kennzahlen berechnet und in zwei internen Datenbank-Dateien für die weitere Analyse abgelegt (Laufzeitverhalten). Daran schließt sich die eigentliche Analyse mit der Diagnose, mit der Bewertung vorgefundener Sachverhalte und mit Empfehlungen für mögliche Verbesserungen der Situation des Analysebetriebes an. Der Ablauf einer solchen Analyse wird nun anhand der inhaltlichen Beschreibung FARMEXPERTs geschildert.

5.2.2 Inhaltliche Beschreibung des Computermodells anhand eines Beispiels

Als Analysebetrieb dient der "Beispielsbetrieb 17" (B17). Dieser Betrieb wird an den landwirtschaftlichen Schulen Hessens vielfältig als Referenz zum Betriebsvergleich herangezogen. Er ist als Futterbaubetrieb im Vergleichsgebiet 9 ausgewiesen und soll im folgenden an den erfolgreichen Betrieben dieser Region gemessen werden.

5.2.2.1 Das Startmodul zur Datenaufbereitung

Nach dem Aufruf von FARMEXPERT erscheint in Analogie zu Übersicht 14 eine kurze Programmeinführung. In einem weiteren Bildschirm wird der Benutzer auf die Anforderungen an die Hardware hingewiesen, die erfüllt sein müssen, um das Programm störungsfrei ablaufen zu lassen. Das Programm kann nur von einer Festplatte aus gestartet werden, weitere Voraussetzung ist ein freier Arbeitsspeicher von mindestens 550 Kilobyte.

In Übersicht 15 wird gezeigt, wie die Grafikkarte des Computers anzugeben ist, dies ist für das vom Grafik-Treiber unterstützte, integrierte Hilfe-System notwendig. Dabei wird die Auswahltechnik aus einem vorgegebenen Menü erläutert. Ist der Computer, auf dem das Programm gerade läuft, beispielsweise mit einer CGA-Karte ausgerüstet, muß die Lichtmarke (Cursor) zuerst mit den Pfeiltasten auf den entsprechenden Menüpunkt gelenkt werden. Anschließend ist die Wagenrücklauftaste (Carriage Return) zu betätigen, um zu signalisieren, daß dies eine in Frage kommende Wahl ist. In diesem Fall ist es nicht sinnvoll, eine weitere Karte auszuwählen, daher kann direkt mit der "Ende" (End)-Taste bestätigt und der Wahlvorgang beendet werden. Dies auf den ersten Blick etwas umständlich anmutende Verfahren erklärt sich dadurch, daß es für verschiedene Fragestellungen auch mehr als eine richtige Antwort geben kann. In diesem Fall müßten zunächst alle in Frage kommenden Möglichkeiten unter Zuhilfenahme der Cursor- und Return-Tasten markiert werden, um dann mit der End-Taste abschließend zu bestätigen.

Zusätzlich erhält der Anwender auf diesem Bildschirm die Information, wie bei Unklarheiten in der Fragestellung des Systems zu verfahren ist, worauf weiter unten noch näher eingegangen wird.

Der in Übersicht 16 gezeigte Bildschirm führt in das in FARMEXPERT implementierte Hypertext-System zur kontextsensitiven Hilfe ein. Die unterste Zeile des Bildschirms wird immer dann aktiv, wenn für den Benutzer die Möglichkeit besteht, in das Hilfesystem umzuschalten. Bereits hier wird signalisiert, mit welchem Stichwort das System bei einer positiven Antwort aktiv werden würde, in diesem Fall mit dem Stichwort "Hilfe".

Wird also bei dem Bildschirm aus Übersicht 16 ein "J" getippt, schaltet der Bildschirm vom Text- in den Grafikmodus um, aktiviert den Maustreiber, sofern installiert und zeigt den Text aus Übersicht 17. Damit informiert das Hilfesystem über sich selbst.

Das System ist einfach zu benutzen. Alle Stichworte, die im System abrufbar sind und im jeweils angezeigten Text vorkommen, erscheinen in Großbuchstaben; werden sie mit der Maus angeklickt, baut sich der diesem Stichwort assoziierte Bildschirm auf, wo natürlich auch wieder alle in diesem Zusammenhang relevanten Begriffe hervorgehoben sind. Auf diese Art und Weise ist der Anwender äußerst flexibel und in der Lage, genau die Unterstützung in Anspruch zu nehmen, die er wirklich benötigt. Mittels "INDEX" werden alle verfügbaren Stichworte des Systems gelistet, durch Anklicken von "ENDE" in der letzten Zeile des Hilfe-Bildschirms wird das Hilfesystem verlassen und die Rückkehr in den Textmodus angestoßen; die Sitzung setzt genau dort wieder auf, wo sie verlassen worden ist.

Im folgenden werden einige Fragen an den Anwender gestellt. Zunächst wird die Sensitivitätsschwelle erfragt. Dies ist in Übersicht 18 gezeigt.

In Übersicht 19 ist die Erklärung der Sensitivitätsschwelle gezeigt, wie sie sich dem Benutzer am Bildschirm als Ergebnis einer "WHY"-Anfrage präsentiert. Obwohl hier die Notwendigkeit der Sensitivitätsschwelle durch den Aufruf der "WHY"-Funktion erklärt wird, soll an diesem Punkt kurz verweilt werden.

Die Sensitivitätsschwelle ist ein Maß für die Empfindlichkeit das Modells bei der Analyse mancher Zusammenhänge, bei den entsprechenden Fragestellungen wird darauf verwiesen werden. Die Analyseempfindlichkeit ist ein prinzipielles Problem, welches von einem menschlichen Experten gewissermaßen "nebenher" und intuitiv abgehandelt wird.

Für ein Computermodell hingegen müssen mindestens zwei Sachverhalte differenziert werden:
1. Die Definition von Schwellenwerten bei der Zuordnung verbaler Ausprägungen zu numerischen Merkmalen in dem die Analyse begleitenden Text.
2. Die Einstellung der Empfindlichkeit, bei der Abweichungen für einen bestimmten Wert als so signifikant betrachtet werden sollen, um in die Analyse einzufließen bzw. zu entscheiden, daß die festgestellte Abweichung für die Analyse unberücksichtigt bleiben kann.

Sowohl zu Punkt 1 als auch zu Punkt 2 sind verschiedene Vorgehensweisen denkbar, die Verwendung einer benutzerdefinierten Signifikanzschwelle ist nur eine davon.

Zunächst sollen die Verfahren zu 1. diskutiert werden. Die Verbalisierung numerischer Ausprägungen ist immer dann notwendig, wenn die Analyseergebnisse in einem Text abgefaßt sein sollen. Wird beispielsweise eine Nettoinvestitionsquote (Anteil der Nettoinvestitionen am Besatzvermögen) für den Analysebetrieb von 7.4 % und für die Gruppe der Vergleichsbetriebe eine solche von 8.1 % ermittelt (vgl. Übersicht 32), so ist zu entscheiden, wie diese Abweichung verbal zu formulieren ist. Die Möglichkeiten reichen hier von einem einfachen "niedriger" über eine grobe Abstufung wie "etwas niedriger" und "niedriger" bis hin zu einer sehr feinen Abstufung, etwa "ein klein wenig niedriger", "etwas niedriger", "niedriger", "erheblich niedriger" oder "erschreckend niedriger", jeweils in Abhängigkeit von der Ausprägung der Abweichung. In FARMEXPERT ist meistens die etwas grobere Abstufung gewählt worden, die, je nach betrachteter Kennzahl, fünf bzw. sieben verbale Ausprägungen umfaßt, also je zwei bzw. drei Formulierungen für positive und negative Abweichungen und ein Begriff für den Fall, daß keine Abweichung vorliegt.

Die Kernfrage hierbei ist die Definition der Übergänge (Schwellenwerte), ab der im Analysetext ein Begriff durch einen anderen ersetzt werden soll. Folgende Vorgehensweisen sind dabei in Betracht zu ziehen:

1.1 Die Schwellen werden nach Maßgabe der Schwankungsbreite vorhandener Daten ermittelt. Dieses Verfahren kommt in FARMEXPERT vorwiegend zur Anwendung.

Beispielsweise können die Nettoinvestitionsquoten jeweils aller erfaßten E-M-W-Betriebe ermittelt werden, für das Wirtschaftsjahr 88/89 ergeben sich für die 1506 dokumentierten Betriebe folgende Werte(26):
E-Betriebe: 3.80 %
M-Betriebe: 1.20 %
W-Betriebe: -3.05 %

Aus dem Abstand zwischen den E- und M-Betrieben von 2.6 bzw. von den E-Betrieben zu den W-Betrieben von 6.85 ist es möglich, Schwellenwerte zu definieren, deren verbalen Ausprägungen die Realität in angemessener Form wiedergeben. Sollen beispielsweise sieben Ausprägungen in Worte gefaßt werden, könnten die Schwellenwerte folgenden Gleichungen gehorchen:
NA > NV + 3"beträchtlich höher"
NV + 1 < NA NV + 3"höher"
NV < NA NV + 1"etwas höher"
NA < NV - 3"beträchtlich niedriger"
NV - 1 > NA NV - 3"niedriger"
NV > NA > NV - 1"etwas niedriger"
NA = NV"weder höher noch niedriger"

wobei:
NANettoinvestitionsquote des Analysebetriebs
NVNettoinvestitionsquote der Vergleichsbetriebsgruppe

Das für diesen Vorgang in FARMEXPERT verwendete Regelwerk ist in Übersicht 20 dargestellt.

Die Rechtfertigung dieses Verfahrens liegt zum einen in der Operationalität begründet, denn so lassen sich relativ problemlos für alle Kennzahlen deren Ausprägungen textlich wiedergegeben werden sollen, realistische Schwellenwerte ermitteln. Zum anderen basieren diese Werte auf "harten" Daten, eine verbale Fehlinterpretation eines numerischen Sachverhalts ist so unwahrscheinlich.

Natürlich können die hier aufgrund der Daten intuitiv abgeleiteten Schwellenwerte auch mittels statistischer Verfahren geschätzt werden, ein Vorgehen, das von HUIRNE und DIJKHUIZEN (1990, S.7) vorgeschlagen wird. Die Autoren benutzen dieses Verfahren allerdings zu anderen Zwecken, die unter 2.2 im Zusammenhang näher beschrieben werden. Die Übergangswerte könnten so bei der Standardabweichung oder einem Vielfachen davon liegen. Voraussetzung für die Anwendung dieses Verfahrens ist geeignetes Datenmaterial, aber selbst die Verfügbarkeit des Datenmaterials vorausgesetzt, erscheint der Aufwand zur Berechnung der statistischen Kenngrößen größer als der Nutzenzuwachs, insbesondere wenn die Grundzahlen im Text mitausgewiesen werden. Wichtig erscheint in erster Linie, daß die Verbalisierung sich in einem vernünftigen Rahmen bewegt, daß also eine signifikante bzw. gefährliche Abweichung einer Kennzahl nicht zu einer "milden" Textpassage führt. Darüber allerdings entscheidet kein Zehntel hinter dem Dezimalpunkt, sondern die Schwankungsbreite als solches.

1.2 Eine weitere Möglichkeit besteht in der Festlegung starrer Abweichungsprozentsätze, anstelle individueller Abweichungsmargen wie im letzten Fall. Diese Methode findet in FARMEXPERT keine Anwendung, denn oft sind kleine Abweichungen schon so signifikant und wichtig, daß sie einer "härteren" Formulierung bedürfen als gleichgroße Abweichungen anderer Kennzahlen.

1.3 Die Schwellen werden einfach nach Gutdünken, Gefühl oder Erfahrung festgelegt, so etwa wie es ein menschlicher Experte auch machen würde. Dieses Vorgehen findet in FARMEXPERT dann Verwendung, wenn eine ungenügende Datengrundlage den Einsatz des erstgenannten Verfahrens verbot.

1.4 Die Vorgabe der Übergangswerte erfolgt (indirekt) durch den Anwender, indem von ihm, wie in Übersicht 18 gezeigt, eine Sensitivitätsschwelle gesetzt wird. Dieser Wert kann dann "mißbraucht" werden, nicht um die Empfindlichkeit der Analyse zu steuern, sondern um die Verbalisierung numerischer Ausprägungen zu lenken. Die Gleichungen dazu hätten analog zu dem unter 1.1 genannten Verfahren folgendes Aussehen:
NA > NV + 2S"beträchtlich höher"
NV + S < NA NV + 2S"höher"
NV < NA NV + S"etwas höher"
NA < NV - 2S"beträchtlich niedriger"
NV - S > NA NV - 2S"niedriger"
NV > NA > NV - S"etwas niedriger"
NA = NV"weder höher noch niedriger"

wobei:
NANettoinvestitionsquote des Analysebetriebs
NVNettoinvestitionsquote der Vergleichsbetriebsgruppe
SSignifikanzschwelle (vom Anwender vorgegeben)

Solch ein Verfahren bietet den Vorteil, daß der Anwender festlegt, ob er den Wortlaut der Analyse eher "härter" oder "weicher" definiert haben möchte, ansonsten gelten aber die unter 1.2 angeführten Nachteile. Diese Methode - obwohl sehr einfach anzuwenden und zu implementieren - findet daher, von einer Ausnahme abgesehen, für FARMEXPERT ebenfalls keine Verwendung.

Als Verfahren zu 2., also der Einstellung der Empfindlichkeit, bei der Abweichungen für einen bestimmten Wert als so signifikant betrachtet werden sollen, daß sie in die Analyse einfließen, können prinzipiell zunächst alle bisher aufgezählten Methoden Anwendung finden. In vielen Fällen jedoch sind die erläuterten Verfahren überfordert, wenn es um die Einstellung dieser Empfindlichkeit geht, denn dies ist eine vollkommen andere Aufgabenstellung als die Verbalisierung von numerischen Merkmalsausprägungen.

Zur Veranschaulichung soll ein Beispiel dienen. Unter der Annahme, daß durch das in Kapitel 4.1.2.2 geschilderte Verfahren zur Ursachenanalyse mittels Zerlegung von Kennzahlen und darauf basierender logischer Schlußfolgerung und der in Übersicht 12 ausgewiesenen Unternehmensaufwendungen entschieden werden soll, welche Aufwandpositionen so wichtig sind und so große Abweichungen aufweisen, daß sie für eine Ursachenanalyse Berücksichtigung finden müssen, sind andere Vorgehensweisen als die bisher geschilderten zu wählen. Welche Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen sind, soll im folgenden dargestellt werden, das in FARMEXPERT implementierte Verfahren wird später in Kapitel 5.2.2.3.1 und 5.2.2.3.2 noch durch ein Beispiel unterlegt.

2.1 Die erste hier Erläuterung findende Möglichkeit besteht im sukzessiven Ersetzen jeweils einer Aufwandposition(27) des Analysebetriebes mit der entsprechenden der Vergleichsbetriebsgruppe, um sodann die Auswirkungen auf den Gesamtaufwand zu sehen. Ändert sich der Gesamtaufwand über ein -  durch eine wie auch immer definierte Signifikanzschwelle - festgelegtes Maß, so ist diese Aufwandposition in der weiteren Analyse zu berücksichtigen. Durch die Anwendung dieses Verfahrens auf alle Positionen kann jede signifikante Abweichung ermittelt werden. Ein solches Vorgehen erfordert viel Rechen- und Speicheraufwand, wäre aber für eine prozedurale Programmiersprache sicher ein gangbarer Weg.

2.2 Ein zweiter Weg zur Beantwortung der Frage, welche Abweichungen als relevant erachtet werden sollen, wird von HUIRNE und DIJKHUIZEN (1990, S.6 ff.) vorgeschlagen. Die Autoren ermitteln für jede Kennzahl zuerst eine "ökonomische Wichtigkeit" um, multipliziert mit der "statistischen Wichtigkeit", eine Maßzahl für die "Abweichungsrelevanz" zu erhalten. Diese Zahl wird mit einer benutzerdefinierten Schwelle verglichen, um den Wert weiterhin als relevant zu betrachten oder nicht. Diese, wenn auch mit viel Rechenaufwand behaftete, so doch elegante Verfahren, stellt auch wieder hohe Anforderungen an das Datenmaterial, das auf FARMEXPERT bezogen, in einzelbetrieblichen Werten ausgewiesen werden müßte. Darüber hinaus müßten die statistischen Analysen für jedes neue Buchführungsjahr wiederholt werden, um die neuen Schwellenwerte zu ermitteln. Abgesehen von den erwähnten technischen Schwierigkeiten ist der von HUIRNE und DIJKHUIZEN angeregte Weg hier nicht gangbar, da einzelbetriebliche Daten zur statistischen Analyse nicht zur Verfügung stehen.

2.3 In FARMEXPERT ist keiner der beiden vorgenannten, sondern der folgende Ansatz implementiert, der hier nur grundsätzlich diskutiert werden soll, die mathematische Ausformulierung erfolgt in Kapitel 5.2.2.3.1.

Die Abweichungsrelevanz ist also eine Funktion der Merkmalswichtigkeit und der Merkmalsabweichung. Die absolute Höhe des Merkmals muß unbedingt in die Berechnung einfließen, da ansonsten niedrige Aufwandspositionen, die zur Höhe der Gesamtaufwendungen wenig beitragen, bei starken Abweichungen überbetont würden; umgekehrtes gilt für Aufwendungen, die einen erheblichen Bestandteil des Unternehmensaufwandes ausmachen.

Die aus dem Datenmaterial einfach zu ermittelnde Abweichung(28) verknüpft über eine arithmetische Operation mit der ebenso einfach zu ermittelnden Wichtigkeit(29) resultiert in der Abweichungsrelevanz, die auf einen Wert zwischen 0 und 100 begrenzt werden kann. Diese Begrenzung ist notwendig, um das Potential VP-Experts (sowie anderer ESBT's) bezüglich der Verarbeitung von CNF's ausschöpfen zu können. Die so errechnete Abweichungsrelevanz wird dann, wie im zuvor geschilderten Ansatz, mit einer vom Benutzer definierten Schwelle verglichen, um die Größe weiterhin als relevant zu betrachten oder nicht. Die Folgerungen der entsprechenden Regeln werden mit den so errechneten Abweichungsrelevanzen als CNF assoziiert und gehorchen den Rechenvorschriften, die in Kapitel 2.1.1.2.2 bereits ausführlich dargelegt wurden.

Nach diesem kurzen Exkurs in die Problematik der Verbalisierung von numerischen Merkmalsausprägungen und die Berechnung von Abweichungsrelevanzen soll die Sitzung mit FARMEXPERT hier wieder aufgenommen werden.

Nach der Abfrage der Sensitivitätsschwelle ist, wie Übersicht 21 zeigt, ein Fragenkomplex zur Einordnung des Analysebetriebes in die von FARMEXPERT verwendeten Gliederungskriterien zu beantworten. Dieser Betrieb ist ein Futterbaubetrieb im Vergleichsgebiet 9. Nach Maßgabe der Antworten wird aus dem Datenbestand anschließend die passende Vergleichsbetriebsgruppe herausgesucht. Der Analysebetrieb soll an der erfolgreichen Vergleichsbetriebsgruppe gemessen werden.

Während die Daten aus der Datenbank gelesen und zu ensprechenden Kennzahlen verarbeitet werden, wird der Benutzer über das weitere Voranschreiten der Analyse informiert, daneben erhält er Hinweise, wie eine Druckerausgabe mit FARMEXPERT erfolgen kann. Diesen Bildschirm zeigt Übersicht 22.

Anschließend wird das erste Analyseergebnis präsentiert (Übersicht 24). Dieses Ergebnis fußt auf der Analyse der Wertschöpfung in Relation zu den drei originären Produktionsfaktoren Kapital, Arbeit und Boden. Bereits hier wird die in der Zielsetzung erwähnte Annäherung an die allgemeine betriebswirtschaftliche Nomenklatur umgesetzt, indem der dort für die Unternehmensanalyse zunehmend diskutierte (vgl. COENENBERG, 1988, S.707 ff.) Wertschöpfungsbegriff Einführung findet. Dieser Begriff wird in der landwirtschaftlichen Betriebslehre, von Ausnahmen abgesehen (vgl. KUHLMANN, 1978, S.111), eher weniger ausführlich behandelt, obwohl er eigentlich, dies sei am Rande bemerkt, ein hervorragendes Maß für die Größe eines landwirtschaftlichen Betriebes bietet. Mit der Wertschöpfung als Maß könnten gleichzeitig viele Probleme dieser immer wieder aufflammenden Diskussion umgangen werden.

Auf die Analyse des Gewinns, die ebenfalls als naheliegend erachtet werden könnte, wurde wohlweislich verzichtet, da diese Größe für eine Untersuchung nach dem Betriebsansatz und zur Analyse der technisch-ökonomischen Effizienz keinen geeigneten Vergleichsmaßstab darstellt. Der Gewinn als Erfolgsgröße ist bereits um Positionen wie Löhne, Pachten, Zinsen etc. bereinigt, d.h., der Gewinn wird im Gegensatz zur Wertschöpfung in erheblichem Maße von Faktoren geprägt, die nicht mit der technisch-ökonomischen Effizienz des Betriebes in Verbindung stehen, sondern auf betrieblichen bzw. Umwelt-Variablen beruhen, die vom Betriebsleiter kurzfristig ohnehin nicht zu beeinflussen sind. Mit anderen Worten: Bei der Überprüfung der Effizienz des Wirtschaftens spielt es keine Rolle, ob auf Eigentumsflächen oder auf gepachtetem Boden gewirtschaftet wird, ob das Unternehmensvermögen über Eigen- oder Fremdkapital finanziert wurde oder ob die Produktion von Mastschweinen in betriebseigenen oder gemieteten Ställen erfolgt, um nur einige Beispiele zu nennen. Da diese Faktoren aber ohne Zweifel eine große Bedeutung für den Betriebserfolg besitzen, werden sie in einem späteren Analyseschritt eingehend untersucht.

Über die Definition der Wertschöpfung bzw. der Nettowertschöpfung kann sich der Benutzer bei Bedarf informieren, das Hilfe-System böte dann die in Übersicht 23 bzw. in Übersicht 40 gezeigten Texte an. Die exakte Berechnung der Nettowertschöpfung wird für die Analyse der Leistungserstellung im weiteren Verlauf der Sitzung noch detailliert gezeigt (vgl. Übersicht 37), hier sei bereits die Gleichung dazu eingeführt; die Abkürzungen "Kxxx" entsprechen jeweils der Kennzahlennumerierung der Buchführungsergebnisse (vgl. Anhang 3 bzw. Anhang 1 und 2):

wobei:
NWSNETTOWERTSCHOEPFUNG
SBGSTEUERBEREINIGTER_GEWINN (für optierende Betriebe, ansonsten Gewinn)
K343AUFWAND_LOEHNE_SOZIALABG_BERUFSGENOSSENSCHAFT
K355AUFWAND_BETRIEBSSTEUERN_UND_ABGABEN
K362AUFWAND_PACHTEN
K363AUFWAND_MIETEN
K364AUFWAND_ZINSEN

Wie ist nun der erste Analysebildschirm, dargestellt in Übersicht 24, zu interpretieren? Zuerst wird, wie dort zu sehen, die Nettowertschöpfung für jeden der drei originären Produktionsfaktoren ausgewiesen, wobei das Besatzvermögen wie folgt definiert ist (diese Definition würde der Anwender auch über das Hilfe-System erhalten können):

wobei:
BVBESATZVERMOEGEN
K218VERMOEGEN_INSGESAMT
K191VERMOEGEN_BODEN
K192VERMOEGEN_WOHNGEBAEUDE

Die Kapitalverwertung ist auf das Besatzvermögen bezogen, da anderenfalls der Vergleich eher von der Eigentumsstruktur des Bodens als von der betrieblichen Effizienz beeinflußt wäre. Darüber hinaus werden so die Schwierigkeiten umgangen, die mit der Änderung der Bewertungsansätze für Boden zum 1.7.1970 einhergehen (vgl. KÖHNE und WESCHE, 1990, S.206 ff.). Die Kapitalverwertung beläuft sich für den Analysebetrieb auf 202.90 DM pro tausend DM Besatzvermögen. Mit 91.83 % gegenüber der Vergleichsbetriebsgruppe ist damit zwar eine um etwa 8 Prozent schlechtere Kapitalverwertung erreicht worden, allerdings wird gegenüber einer Arbeitsverwertung von 77.84 % und einer Flächenverwertung von 81.9 % deutlich, daß der Produktionsfaktor "Kapital" noch am besten verwertet wird. Unabhängig davon signalisieren diese Prozentzahlen gewissermaßen noch das Potential, mit dem eine Verbesserung der Effizienz erreicht werden könnte, am ehesten also sollte versucht werden, die Arbeitsproduktivität zu steigern, da hier offensichtlich der größte "Nachholbedarf" identifiziert worden ist.

Mit dieser allerersten Aussage ist das erste Modul, dessen vordergründige Aufgabe in der Datenaufbereitung besteht, abgeschlossen. Das nächste Modul ist in erster Linie mit der Analyse der Bilanz befaßt.


Fußnoten:

(23) Dieser Zinssatz ist aus dem Agrarbericht übernommen. Auch dort wird mit einem kalkulatorischen Zinsansatz von 3.5 % gerechnet (BUNDESREGIERUNG, 1990, S.186)
(24) Die Bedeutung dieses "Störfaktors" in Sinne von Betriebsvergleichen ist umstritten. Beispielsweise hat SCHNEKENBURGER herausgearbeitet, "daß der Produktionsfaktor Humankapital die natürlichen Standortrestriktionen um ein mehrfaches überragt" (SCHNEKENBURGER, 1986, S.176). Andererseits betont KIMME, daß Standortfaktoren bei Betriebsvergleichen berücksichtigt werden sollten (KIMME, 1981, S.38). In diese Diskussion soll hier nicht eingestiegen werden, da der Benutzer von FARMEXPERT bei der Wahl seiner Referenzgruppe letztlich frei ist.
(25) Dieser Funktionstyp wird beispielsweise in FARMEXPERT für die Berechnung von Konfidenzfaktoren verwendet.
(26) berechnet nach den ausführlichen Buchführungsergebnissen Hessens 1988/89 (HESS. LANDESAMT ..., 1990)
(27) Diese Vorgehen ist für jede andere Größe ebenfalls denkbar, also nicht nur auf Aufwendungen beschränkt. Das Beispiel der Aufwandpositionen ist lediglich aus Gründen der besseren Anschaulichkeit gewählt.
(28) Vergleich der jeweiligen Größe des Analysebetriebs mit dem entsprechenden Wert der Vergleichsbetriebsgruppe
(29) Berechnung des Anteils der jeweiligen Unter-Aufwandsposition am Gesamtaufwand


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